„Perspektivwechsel“ | Weihnachten 2010

Brief des Bischofsvikars Jantzen an die Gemeinden


Wenn Eltern mit ihren Kindern spielen oder sie trösten, dann bleiben sie selten in voller Größe vor ihnen stehen. Sie gehen in die Knie, machen sich bewusst klein, gehen auf Augenhöhe, um zu verstehen und verstanden zu werden.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt: Gott wird Mensch. Gott geht bewusst in die Knie, erlebt das Leben aus menschlicher Perspektive.

„Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer. Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbind sich mit unserm Blute“, so beschreibt Paul Gerhardt diesen Auszug Gottes in das menschlich Kleine in einem seiner Weihnachtslieder (Evangelisches Gesangbuch Nr. 36). In keiner anderen Religion steht eine solche Menschwerdung Gottes im Mittelpunkt. Gott als Kind, von Anfang an bereit, auf der Seite der Schwachen zu stehen von der Geburt bis zum Tod und gerade dadurch mit einer Schönheit und Größe, die unvergleichlich ist.

Diese Lebensgeschichte des Kindes aus Bethlehem, deren Anfang Sie heute Abend hier im Gottesdienst wieder hören werden, begleitet uns seit Kindertagen. Sie ist wie eine gute alte Bekannte und doch bleibt sie auch immer ein bisschen fremd, will von uns mit unserem Leben und unseren Erfahrung gefüllt werden. Gott wird Mensch, macht sich klein für uns, damit wir ihm mit unserer durch und durch menschlichen Perspektive überhaupt begegnen können.

Und mehr noch: Gott sucht nicht zuerst die lauten Metropolen der Welt auf. Er wählt einen unscheinbaren Ort eher am Rande des Lebens, der sich auf keiner Landkarte findet. Ein unbeachteter Stall. Eine Frau aus dem einfachen Volk, die das Gotteskind zur Welt bringt. Tiere als wärmende erste Besucher an einer schäbigen Krippe. Und doch strahlt dieser Ort so viel aus, dass sich Menschen auf den Weg machen und sich an der Krippe treffen. Das Kleine, das sie dort in der Krippe finden, stellt die geltenden Ordnungen auf den Kopf: verachtete Hirten und angesehene Weise gehen Seite an Seite in die Knie vor dem Kind, nehmen eine gemeinsame Perspektive ein und beginnen dabei zu ahnen, dass dieses Kind eine große Wirkung für das Leben aller Menschen haben wird. Jede Krippenszene, die in unseren Kirchen und Häusern aufgebaut wird, erzählt von diesem unfassbaren Perspektivwechsel, bei dem das Kleine, Verborgene zum Mittelpunkt eines neuen Denkens wird.

Auf die Perspektive kommt es an und auf den Mut, für diesen Perspektivwechsel einzustehen. Auch heute. Als in Chile im Oktober dieses Jahres 33 Bergleute nach 69 Tagen Dunkelheit aus einer eingestürzten Mine gerettet wurden, hat der chilenische Schriftsteller Antonio Skármeta dazu aufgerufen, diesen ganz besonderen Blick, den die Welt in diesen Wochen nach Chile gerichtet hatte, angesichts der glücklichen Rettung nicht gleich wieder aufzugeben. „Bildlich gesprochen möchte ich sagen, dass es noch viele Menschen in vielen Teilen der Welt gibt, die verschüttet sind und die wir nicht sehen. Wir könnten ihnen helfen, wenn wir eine Ethik hätten, wie sie die Welt gegenüber den chilenischen Bergleuten entfaltet hat.“

Weihnachten will uns Mut machen, mit den Schwachen auf Augenhöhe zu gehen und sich mit dem, was verborgen und verschüttet ist, bewusst auseinanderzusetzen. Will uns darin bestärken, ungewohnt zu denken, zu leben, die eigene Perspektive zu verändern. Denn dieser Perspektivwechsel kann uns unerwartete Begegnungen bescheren, die beide Seiten bereichert.

Dass wir andere im Blick behalten und dabei selbst nicht aus dem liebenden Blick Gottes geraten, das ist die Verheißung von Weihnachten an uns. An den liebenden Blick Gottes glauben zu dürfen und andere Menschen, aber auch sich selbst dann mit diesem genau diesem Blick betrachten zu können, das ist das Wunder der Heiligen Nacht, das alle Jahre wieder neu in unser Leben kommen will.

Die Erfahrung eines solchen Perspektivwechsels wünsche ich Ihnen am Heiligen Abend 2010 von ganzem Herzen!

Ihr Hans-Hermann Jantzen Bischofsvikar der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers