Hauptebene    Archiv    Predigten    2006

Predigt zur goldene Konfirmation 2006

Gedanken zu Johannes 3, 1-8 und zum Motto der Fußball-WM: Die Welt zu Gast bei Freunden - Pastor Wolfgang Thon-Breuker


Liebe goldene Konfirmanden,


an zwei Sonntagen  im Mai diesen Jahres haben wir hier  in dieser Kirche unseren 130 Konfirmanden  - unter Auflegung der Hände  - den Segen Gottes zugesprochen. Die äußeren Umstände mögen anders gewesen sein als damals. Die Jungen und Mädchen traten in schicken und oft teuren Markenanzügen und Kleidern vor den Altar. Die Haare waren gestylt mit reichlich Haarfestiger. Und auch den anderen Gottesdienstbesuchern sah man an, dass wir heute in einem wohlhabenden Land leben. Aber es geschah mit denselben Worten wie bei Ihnen vor 50 Jahren: Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist, gebe  euch seine Gnade,Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, dass ihr bewahrt werdet zum ewigen Leben. Manche unserer Konfirmanden  haben vielleicht geahnt, was sie da Kostbares empfangen. Manche haben gespürt, dass die Kraft des Heiligen Geistes tatsächlich eine Kraft ist, die sie durchs Leben tragen kann. Und manche haben vielleicht insgeheim gedacht: Was bringt mir das?

"Hat es sich die Konfirmation gelohnt?"  so fragte ich zwei meiner Konfirmanden. Ich traf sie auf der Straße -  zwei Tage nach der Konfirmation. Sie antworteten das Nahe liegende. Sie antworteten mit einem Betrag in Euro. Gewünscht hätte ich mir eine ganz andere Antwort. Aber vielleicht ist es zu früh dafür.

 Ich besuchte in den vergangenen Tagen eine Frau, etwa 65 Jahre alt – so alt wie jetzt die goldenen Konfirmanden. Ich fragte nicht: Hat es sich ihre Konfirmandenzeit gelohnt?  Aber indirekt gab sie genau darauf Antwort. Sie sagte: "Als ich im vergangenen  Jahr so krank war, habe ich viel gebetet. Ich habe gespürt: der Glaube hat mir Kraft gegeben.“ Welchen Wert hat der Glaube im Laufe eines Menschenleben? Das ist eine seltsame Frage. Es lässt sich kein Preis dafür festmachen. Es ist eigentlich eine unmögliche und völlig unangemessenen Frage. Aber viele stellen sich doch solche Fragen. Zumindest die Frage: "Was bringt mir die Kirche?" Zu viele finden dabei für sich keine gute Antwort und treten aus der Kirche aus, und haben keine Antenne für die Sache mit Gott.

 In  unserem heutigen Evangelium  ist einer dabei, die Sache des Glaubens neu zu begreifen. Joh. 3 enthält  eines der spannendsten Glaubensgespräche der Bibel.Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? so  fragte der jüdischen Gelehrte Nikodemus im  Gespräch mit Jesus. Ja, er kann. Ein  Mensch von 64 Jahren kann es vielleicht eher als ein 14jähriger Konfirmand.

 Liebe  goldenen Konfirmanden, vermutlich ist es ihnen nicht anders gegangen als den Konfirmanden heute. Ich frage gern in meinen Konfirmationsansprachen: Wie lässt sich aus eurem Glauben ein Wegweiser zimmern, der euch durch die Höhen und Tiefen des Lebens trägt? Vielleicht haben sie damals von ihren Pastoren etwas ähnliches gehört. Aber die Jugendlichen, die ich  mit 14 konfirmiere, begreifen kaum die Tragweite dieser Frage. Die Jugendlichen zählen am Tag der Konfirmation ihre Geldgeschenke, behalten vielleicht sogar ein paar gute Gedanken an ihren Pastor oder ihre Pastorin zurück oder an die Konfirmandenfreizeit, auf der sie heimlicherweise das erste Mädchen geküsst haben.

 Aber ob der Glaube sie durch das Leben tragen soll und kann und ob sie eine Wiedergeburt brauchen: das ist nicht ihre Frage. Menschen müssen die Brüche und Krisen des Lebens wohl erst hinter sich haben, um den tiefen Sinn dieses Gespräches zwischen Nikodemus und Jesus zu begreifen. Eine Wiedergeburt muss passieren, wenn wir geheilt aus den Sinnkrisen unseres Lebens herauskommen wollen.  Ob der Glaube etwas in meinem Leben ausgetragen hat, ob er mich trägt durch die Höhen und Tiefen des Lebens, dass kann ich erst in der Rückschau beurteilen.

 Trägt mich der Glaube durch alle Höhen und Tiefen des Lebens?Jener Mensch, dessen Psalmgebet wir gesprochen haben, vielleicht ein Mensch von 64 Jahren, hat es für sich bejaht: Der Herr hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. So sagt der 145. Psalm.
Mit dem Alter kommt der Psalter, heißt ein deutsches Sprichwort und es ist so dumm wie es klingt. Denn Älterwerden führt nicht automatisch zum Glauben. Andere Menschen ihres Konfirmandenjahrgangs werden sagen: "Nein , da war kein Gott in meinem Leben! Ich war allein!" Vermutlich sind die heute gar nicht gekommen. Richtiger ist: Jede Generation hat eigenen  Frage an den Glauben und jede Generation sucht andere Antworten und andere Ausdrucksformen. Und immer wieder verweben sich meine persönliche Lebensgeschichte mit den Geschichten des Glaubens und suchen Raum - Raum zur Begegnung - Raum, wo ich ernst genommen werde. Wir würden den Reichtum unseres Glaubens sehr viel mehr spüren, wenn wir Orte der Begegnung zwischen den Generationen schaffen  - von Mensch zu Mensch - und uns Zeit nehmen füreinander.
Aber da müssten die Generationen erst wieder lernen, was sie voneinander haben könnten. Wer die jeweils andere Generation begreifen will, muss neugierig und geduldig sein und sorgfältig zuhören. Christliche Kultur ist immer eine Kultur der Begegnung. Wer aufhört, den anderen zu suchen, für den wird sich auch die Schatzkiste des Glaubens nie richtig öffnen.








In der Vorbereitung  auf das heutige Fest der goldenen  Konfirmation habe ich versucht, zu begreifen, wie es damals war vor 50 Jahren war, Aber ich habe auch versucht zu verstehen, aus welchem Lebensgefühl ein 64jähriger lebt und ich habe Orte der Begegnung gesucht. Am Dienstag war ich in einer Damenrunde zu Gast. In einem Burgdorfer Kaffee. Alle waren etwa 64, alle sind heute unter uns. Kaum hatte ich mich gesetzt, schon war ich mittendrin – in einem Gespräch über Gott in die Welt: „Ich wünsche mir eine Kirche ohne den Zwang von damals, eine Kirche, die auf die Menschen zugeht, ein Kirche, die offen ist und Raum gibt.“ Das hörte ich auf vielfältige Weise immer wieder. Solche Art von Begegnungen sind schön. Ich wünsche sie mir auch für unsere Kirche. Man kommt als Fremder und ist gleich herzlich willkommen - Wie in dieser Damenrunde. Und augenzwinkernd wurde ich immer wieder gefragt: „Wie fühlen sie sich denn als einziger Mann unter so vielen Frauen?“ „Gut“, sagte ich.  Es ist einfach gut, wenn man irgendwo als fremder hinkommt und ist gleich herzlich willkommen.
Wenn man irgendwo hinkommt und man spürt: Eigentlich ist gar kein Platz für mich frei. Eigentlich sind alle Plätze schon besetzt, obwohl noch viele Plätze leer sind, dann ist etwas faul. Das Wort Willkommen muss immer wieder neu buchstabiert werden durch alle Zeit hindurch - an allen Orten - bei uns zuhause - in unsere Stadt - in dieser Kirche - in diesem Land und ganz aktuell: bei der Fußballweltmeisterschaft in unserem Land: Die Welt zu Gast bei Freunden. So heißt das Motto.  Um das zu zeigen, bekam ich von meiner Tageszeitung eine Fahne zugeschickt. Wenn ich mit dieser Fahne winke, dann heißt das nicht: Deutschland, Deutschland über alles. Sondern es heißt:  Wir Deutschen heißen euch herzlich in unserem Land willkommen. Wir werden auch über eure Siege jubeln und über eure Niederlagen trauern, mit Staunen euer ganz anderes Temperament betrachten, uns über eure Begeisterungsfähigkeit wundern. Mit Anteilnahme werden vielleicht hören von den Problemen eures Landes, von Armut und Bürgerkrieg,  von der Hoffnung, dass gerade der Fußball die Menschen neu zusammenbringen kann. Ihr seid willkommen, ihr Menschen dieser Welt. Willkommen in unserem Land.“

 Willkommen! Jesus selber liebte dieses Wort und er hat uns viel Beispiele gegeben, wie wir es praktisch leben können: gegen jede Art von Fremdenhass, gegen jede Art von Engstirnigkeit hat Jesus Mut zur Begegnung gemacht. Öffne dein Herz! Schaffe Raum für die Begegnung mit anderen. Sprich es aus: Du bist willkommen. Du bist willkommen – so wie du bist. Gottes Geist zeigt uns, wie wir ohne Schwellenangst einen fremden Raum betreten, ohne Berührungsangst auf andere zugehen und Grenzen überwinden helfen können. Das und nichts anderes hat Jesus uns aufgetragen zu tun und uns eingeladen, das zu erleben, dort wo man auf sein Wort hört. Das Motto der Fußballweltmeisterschaft nimmt das Jesus-Prinzip auf wunderbare Weise auf: Die Welt zu Gast bei Freunden. Man freut sich an der Andersartigkeit der Anderen. Die Freude am Fußball bricht sich unterschiedlich Bahn. Gott hat die Menschen dieser Erde mit ganz unterschiedlichen Temperamenten beschenkt. Wir dürfen staunen, statt darüber die Nase zu rümpfen.
Die Begeisterung für den Glauben, die Freude am christlichen Glauben bricht sich auch ganz unterschiedlich Bahn:  Still oder ganz laut - hochgeistig oder einfach aus dem Bauch heraus - mit Wort oder Gesang, getanzt, gesungen, gelebt.
Von einer weiteren Willkommensszene möchte ich erzählen.Ich traf am Mittwoch einen meiner früheren Konfirmanden – in der S-Bahn aus Hannover kommend. „Erinnern Sie sich noch an mich?“ fragte er. „Klar“, sagte ich. Ich erfuhr, dass er in Ausbildung zum Bankkaufmann ist.  „Sprechen Sie mich mal an, wenn sie Begleiter brauchten für Konfirmandenfreizeiten,“ fuhr er fort.  „Gerne“, sagte ich. Wir tauschten unsere Email -Adressen aus. „Ich war lange nicht in der Kirche. Bald komme ich ja sowieso. Bald ist weihnachten. Und dann ist schon die Konfirmation meines Bruders.“ Sagte er. Darauf sagte ich: „Vielleicht erzähle ich ja am kommenden Sonntag von der Begegnung mit dir.“ „Dann komme ich vielleicht am Sonntag.“ Vielleicht, sagte er. Ich habe ihn noch nicht gesehen, heute morgen. Ich bin aber auch ziemlich kurzsichtig. Vielleicht ist er auch versackt –gestern bei Fußball und Bier im Stattpark. Doch trotzdem. Er hat zumindest drüber nachgedacht.
Warum erzähle das ganze? In der Begegnung mit der Damenrunde und in der Begegnung mit dem ehemaligen Konfirmanden habe ich gespürt. Da ist noch was.Da ist sogar eine ganze Menge, woran sich anknüpfen lässt.

Es ist noch Glut in der Asche.  So hat es ein Theologieprofessor am Mittwoch vor einem Forum von 250 Pastoren in Hannover formuliert. Er hat uns auf sehr sympathische Art ein paar unbequeme Wahrheiten gesagt und Aufträge auf den Weg gegeben. Es ist noch Glut in der Asche. Die Kirche hat an Glaubwürdigkeit zugenommen, aber sie muss noch besser werden. Die Möglichkeiten sind längst noch nicht ausgeschöpft. Ihr müsst mitgehen wo die Energien sind, den Geist nicht dämpfen und Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge erlebbar machen. Eigentlich hat der Professor am Mittwoch nichts anderes gesagt als die Damenrunde am Dienstag oder später mein Konfirmand. Und er hat darauf hingewiesen, wie wichtig der Konfirmandenunterricht ist. Zwischen Taufe und Konfirmation entscheidet sich die Zukunft der Kirche.



Sie hatten Superintendent Dreher, Pastor Pampel, Pastor Flohr und Pastor Rau.  Diese Männer haben Bilder hinterlassen, die (bei Ihnen) bis heute nachwirken. Auch Bilder über Kirche: „Der war in echt Ordnung!“ Oder: „Der war der größte Langweiler.“ Jugendliche sind nicht zimperlich in ihrem Urteil über Erwachsene. Manche von Ihnen haben längst Enkelkinder im Konfirmandenalter und haben schon zweimal mitbekommen, wie 13 Jährige in der Pubertät (ein Wort das man damals noch nicht kannte) sich von Erwachsenen abgrenzen, sich an ihnen abarbeiten und sie manchmal auch richtig doof finden müssen. Wir begleiten Jugendliche in einer für sie schwierigen Zeit. Unsere Inhalte, die wir vermitteln, die Glaubensinhalte, der Lernstoff, unsere Erziehungsversuche - alles das bleibt  kaum wirklich haften. Aber wir bleiben haften - in der Erinnerung  - im Guten wie im Schlechten. Bindung zur Kirche entsteht  - das war vor 50 Jahren nicht anders als heute – ganz stark über Personen – also  über uns. Gut ist, wenn das Gefühl bleibt: „Er hat mich so angenommen wie ich bin.“ Wir sind Vorbilder – im Guten wie im Schlechten. Vorbilder im Glauben, wenn wir Kirche gestalten. Die Erwartungen an Kirche sind über die Jahrzehnte erstaunlich gleich geblieben. Ich hörte sie im Gespräch mit der Damenrunde und während der Bahnfahrt mit meinen ehemaligen  Konfirmanden. Der Professor fasste sie in drei Aufgabe zusammen: verständliche Verkündigung, lebensbegleitende Seelsorge, ganzheitliche Hilfe. Das alles zusammen mit einem hohen Maß an Glaubwürdigkeit. Allen Erwartungen zum trotz, so sagte der Professor, haben die Konfirmanden zu allen Zeiten im Konfirmandenunterricht gut aufgepasst. Denn sie erwarten von Kirche genau das, wovon ihre Pastoren auch immer gesprochen haben: verständliche Verkündigung, lebensbegleitende Seelsorge, ganzheitliche Hilfe . Das macht Kirche aus. Das suchen wir. Das brauchen wir. Denn:
Liebe Goldene Konfirmanden,  liebe Gemeinde, durch eine Konfirmandenzeit kann man sich durchmogeln. Das war vor 50 Jahren nicht anders als heute. Aber durch das Leben kann man sich nicht hindurchmogeln. Kein Leben verläuft ohne schmerzhafte Brüche.  Was kann ich tun, wenn ich vor einem Scherbenhaufen stehen, wenn alles zusammenbricht, was mir einmal wichtig und wertvoll war? Zu wem kann ich sprechen in meiner Todesangst? Zu wem kann ich sprechen, wenn ich Schuld auf mich geladen habe? Woher nehmen wir Menschen die Kraft um weiterzuleben? Was bringt Menschen zurück auf die Lebensbahn, wenn ihr eigenes Versagen sie aus der Bahn geworfen hat? Wer schenkt uns neue Kraft, wieder aufzustehen, wenn wir ganz unten waren? Es sind oft nur traumatische Ereignisse, an denen die Frage nach Gott wieder aufbricht. Im guten Alltag unseres Lebens kommen wir ganz gut aus auch ohne Gott. Die Kraft- und Sinnquellen unseres Lebens sind wie selbstverständlich einfach da. Mancher denkt dabei an seine Familie, an seinen Ehepartner, an die Enkel. Mancher schöpft Kraft bei einem kühlen Glas Bier oder bei Kaffe und Kuchen, oder wenn er im Garten gräbt und pflanzt. Manche schöpft Kraft, wenn sie durch das Burgdorfer Holz radelt. Mancher schöpft Kraft aus  seinen Traumreisen,  mancher geht Woche für Woche in seinen Verein, und mancher kauft sich ein neues Auto, wenn es ihm schlecht geht. In den guten Tagen des Lebens hat Gott oft eine erstaunlich geringe Bedeutung. Was ist, wenn alle meine Lebensquellen versiegen? Was ist, wenn auch mein letzter Rettungsanker ausfällt? Bricht dann alles zusammen? Oder höre ich dann auf einmal Gottes Wort? Und was ist wenn, es mir wieder gut geht? Vergesse ich dann diesen Rettungsanker? Taugt Gottes Wort auch noch etwas, wenn die Tage der Not und der Schmerzen vorüber sind?

 Vielleicht sollten wir uns am Tag der goldenen Konfirmation an den Sinn der Taufe erinnern. Gott schenkt uns die Quelle zum ewigen Wasser. Gottes lebensspendendes Wort ist ein Geschenk, aber zum Nulltarif ist es nicht zu haben. Gottes Bund mit den Menschen ist ein Bund mit gegenseitiger Verpflichtung. Gott schenkt uns Kraft, aber Gott stellt uns auch unangenehme Fragen. Billiger ist dieser Bund nicht zu haben. Wer das Wagnis eingehen will, in guten wie in bösen Tagen, immer wieder neu nach Gottes Wort zu fragen, ist herzlich eingeladen. Es ist noch Glut in der Asche, so sagte dieser sympathische Professor aus Bayern.
Liebe goldene Konfirmanden, sie sind noch jung, gemessen an dem, was wir heute an Lebensjahren erwarten dürfen. Helfen sie mit, das Feuer neu zu entfachen - heute ein Woche nach Pfingsten - und morgen - ein Leben lang. Geben Sie etwas von ihrer Glaubensbegeisterung weiter an die, die nach ihnen kommen, und lassen Sie uns ein Leben lang spüren, das wir von Gott geliebt und beschützt sind. Amen.