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Ansprache zum Volkstrauertag

Ansprache zum Volkstrauertag am 18. November 2007, Ehrenmahl im Stadtpark
Rudolf Bembenneck Pastor i.R.



Rudolf Bembenneck (Mitte), Pastor im Ruhestand, hält in Burgdorf die Rede zum Volkstrauertag. Foto: Schiller

„Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben! Gegen zu viel Sicherheit, gegen
Ausweglosigkeit. Halte deine Träume fest!“
Dieses Lied von Eugen Eckert hat einen unmittelbaren Bezug zum
Volkstrauertag.
Halte deine Träume fest! Am Volkstrauertag tauchen Träume auf. Längst
vergessene oder verdrängte. Alpträume auf der einen Seite und Träume der
Hoffnung auf der anderen. Träume der Hoffnung von einer zukünftigen Welt, in
der Menschenwürde geachtet wird, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und
Freiheit verwirklicht ist und Konflikte ohne Gewalt und Krieg ausgetragen
werden.
Bei vielen von uns Älteren drängen sich Alpträume in die Erinnerung. Die
bitteren und leidvollen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg und seinem Gefolge
haben in der Seele traumatische Spuren hinterlassen. Mancher Alptraum ist mir
erzählt und anvertraut worden in den zwei Jahrzehnten, in denen ich in Burgdorf
als Pastor gearbeitet habe. Frauen aus Ostpreußen haben berichtet, wie das
Knirschen des Eises bei der Flucht über dass Haff sie auch noch nach vierzig
Jahren im Schlaf aufschrecken ließ. Eine Großmutter wurde immer wieder im
Traum gequält von der Erinnerung an den Tag im Februar 1945, an dem sie ihr
erfrorenes Enkelkind am Straßenrand irgendwo in Pommern zurücklassen
musste. Ein stattlicher kräftiger Mann hat erzählt, dass er sich oft im Bett
zusammenkauerte, weil er nahezu körperlich nachempfand, wie die Ketten eines
russischen Panzers sich über seinem Einmannloch drehten. Und einige Männer
hörten auch nach Jahrzehnten noch im Traum - und nicht nur im Traum – die
verzweifelten Schreie verwundeter oder sterbender Kameraden, die ihnen als
Soldaten an der Front ins Ohr gedrungen waren. Und ich nehme an, dass auch
manche derer, die die Bombenangriffe auf Burgdorf miterlebt haben, von
Alpträumen verfolgt worden sind.
In zehn oder zwanzig Jahren wird vermutlich niemand mehr hier stehen, der
oder die unmittelbar von solchen oder ähnlichen Alpträumen gepackt werden.
Gott sei Dank! Niemand wird hier mehr stehen, der oder die noch persönliche
Erinnerungen an die Burgdorfer Kriegstoten hat. In einem bestimmten Sinne
könnte gerade deswegen gelten: Halte deine Träume fest! Wie soll eine
nachwachsende Generation begreifen und nachempfinden können, welche
unvorstellbaren Opfer die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts
gefordert haben? Und was sie an Leid, an Zerstörung, an Vernichtung und Tod
verursacht haben?
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Bei der zentralen Gedenkstunde im Bundestag wird heute der Bundespräsident
alle Opfer ehren. Erinnern wird er an die 11 Millionen Toten im ersten
Weltkrieg, an die 55 Millionen Toten im zweiten Weltkrieg und seinem
Gefolge. An die ungezählten wieder in die Millionen gehenden Opfer durch
Vertreibungen, Kriege und Bürgerkriege nach 1945. Und auch an die mehr als
2.600 Zivilbediensteten und Soldaten, die seit Gründung der Bundeswehr im
Dienst und im Einsatz für Menschenrechte ums Leben gekommen sind.
Niemand kann sich angesichts solcher Zahlen eine wirkliche Vorstellung
machen.
Verstehen wird nur möglich, wenn individuelle Schicksale mit lokaler
Bodenhaftung anschaulich und nachvollziehbar erzählt werden. Ich stelle mir
vor, dass wir in Burgdorf Feldpostbriefe sammeln, Tagebücher und andere
Aufzeichnungen von Soldaten, von Flüchtlingen und Vertriebenen, von
Bombenopfern und Verfolgten des Nazi-Regimes und daraus eine Geschichte
aus der Sicht der Opfer für unsere Nachkommen gestalten. Vielleicht könnte
sich an einer solchen Spurensuche auch die eine oder die andere Schulklasse
beteiligen. Heinz Neumann hat hinsichtlich der Burgdorfer Opfer der
Bombenangriffe, an die eine Gedenktafel vor dem Amtsgericht erinnert, bereits
einen wichtigen Beitrag geleistet. Und ich hoffe, dass es uns auch gelingt,
wenigstens bruchstückhaft das Schicksal der verfolgten, vertriebenen und
ermordeten jüdischen Bürger und Bürgerinnen unsere Stadt nachzuzeichnen.
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die
Gegenwart.“ Dieses Wort von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ist
eine schlüssige und einleuchtende Begründung für die angedeutete Spurensuche
– eine schlüssige Begründung auch für den Volkstrauertag. Wir sind es den
Opfern, uns selbst und den zukünftigen Generationen schuldig, mit offenen
Augen zu leben.
Heute vor achtzehn Jahren habe ich hier gestanden und meine Ansprache so
begonnen: Im Jahr 1989 liegt der Volkstrauertag im Schatten und im Glanz
eines unerwarteten und unvergleichlichen Volksfestes. Eröffnet wurde dieses
Volksfest, als die Grenzübergänge in der Berliner Mauer geöffnet wurden und
wildfremde Menschen sich um den Hals fielen. Unfassbar war es, was da nach
28 Jahren Mauer geschehen ist. Und fassungslos haben Menschen „Wahnsinn!
Wahnsinn!“ in die Mikrofone der Reporter gerufen. Der Psalm 126 fasst diese
Erfahrung im Blick auf die Juden in der babylonischen Gefangenschaft in
Sprache: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir
sein wie die Träumenden.“
„Wie die Träumenden.“ Achtzehn Jahre später ist von dieser Begeisterung nicht
allzu viel geblieben. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, wir seien „blind“
geworden im Sinne des Weizsäcker-Wortes für das Glück der Gegenwart. Für
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das Glück, als deutsches Volk in Einheit und Freiheit zu leben. Für das Glück in
Europa, in einem Teil der Welt zu leben, in dem kriegerische
Auseinandersetzungen zwischen den Staaten undenkbar geworden sind.
Europa, ein Kontinent, dessen Boden über Jahrhunderte von blutigen Kriegen
umgepflügt worden ist und in dem sich Völker wechselseitig als „Erbfeinde“
ansahen. Deutschland, der Staat, von dem unter der Herrschaft der
nationalsozialistischen Ideologie ein grausamer Eroberungs- und
Vernichtungskrieg ausgegangen ist. Mit dem Ergebnis, dass der gewollte totale
Krieg zur totalen Niederlage führte und zur Teilung des Landes. Das geteilte
Land im östlichen Teil mehr als vier Jahrzehnte unter der Knute einer
kommunistischen Diktatur. Das geteilte Deutschland an der Nahtstelle des
kalten Krieg in einer zweigeteilten Welt, wo atomar bestückte Raketen sich
bedrohlich gegenüber standen. Eine Alpträume auslösende Situation.
Das im Blick, ist festzuhalten: Der 9. November 1989 ist und bleibt ein
traumhafter Tag für Deutschland und für Europa. Wer vor der Vergangenheit die
Augen nicht verschließt, der entdeckt, wie außerordentlich glückhaft - trotz aller
Probleme und Schwierigkeiten - die Situation in Deutschland und Europa ist.
Ein anderes Datum verhindert freilich ein unbekümmertes Lebensgefühl. Nineeleven,
diese Datumsangabe ist zum Symbol eines Alptraums geworden. Vor
sechs Jahren, am 11. September 2001, haben islamistische Terroristen
vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Twin-Towers in New York in das
Gebäude des Pentagon gesteuert. Eine tiefe Verunsicherung hat die sogenannte
westliche Welt ergriffen. Freilich nicht nur sie. Die brutalen und
menschenverachtenden Anschläge des 11. September 2001 haben Reaktionen
ausgelöst und schreckliche Folgen gezeitigt. In Afghanistan, im Irak, in Madrid
und London und in Guantanamo.
Seit dem 11. September 2001 ist drastisch und dramatisch ins Weltbewusstsein
gerückt, was immer schon die Geschichte der Menschheit gezeigt hat: Es gibt
einen ideologisch verblendeten Fanatismus, für den Menschenwürde und
Menschenleben keinen Pfifferling wert sind. Und es wird seit dem von vielen
wie ein Alptraum erlebt, dass dieser Fanatismus das Leben überall und zu jeder
Zeit bedroht.
Der Kampf gegen den Terrorismus, der Schutz vor ihm, seine Eindämmung und
das Schwierigste, die Überwindung seiner Ursachen, das ist eine langfristige
hoch komplexe Herkulesaufgabe. Eine Herausforderung, von der bisher
niemand überzeugend zu sagen vermag, ob und wie und wann sie bewältigt
werden kann.
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Müssen sich angesichts dieser Weltlage nicht die Hoffnungsträume, von denen
ich eingangs gesprochen habe, in Schaum auflösen?
Im Gegenteil! Sie sind notwendig, weil in ihnen ein Hoffnungspotential steckt,
das zu Visionen befähig und Kraft verleiht zu ausdauerndem und unbeirrbarem
Einsatz für Menschenrechte und Frieden. Auch in ausweglos erscheinenden
Situationen.
„Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben!“ Zwei Beispiele:
Die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der ehemaligen DDR hat starke
Impulse von den Friedensgebeten empfangen. Die orientierten sich an uralten
Hoffnungen. An den Visionen der Propheten Israels. „Schwerter zu
Pflugscharen“. Hoffnungen, die durch den Druck der Mächtigen nicht zu
entmutigen waren. Das gehört zum Background der friedlichen Revolution.
Martin Luther King hat in auswegloser Situation einen Hoffnungstraum an den
Himmel gemalt. „Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln
von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter
miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum,
dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der
Ungerechtigkeit und der Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit
und Gerechtigkeit verwandelt. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen
Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer
Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“
King selbst hat nichts mehr davon erlebt. Er ist ermordet worden. Aber sein
Traum hat etwas bewirkt. Er hat Menschen Mut gemacht und ihnen Zuversicht
gegeben. Er hat viele zum politischen Engagement veranlasst und zu einem
leidenschaftlichen und beharrlichen Einsatz, ja Kampf für Menschenrechte und
Menschenwürde. Er hat Glauben geweckt. Dieser Traum hat ungezählte Herzen
bewegt und in einem langen Prozess die Welt ein Stück weit verändert, sie etwas
menschlicher und gerechter werden lassen.
Es liegt an uns, den Traum Martin Luther Kings in unsere Lebenswirklichkeit
und Weltwirklichkeit hinein fortzuschreiben. Wo er von Georgia und
Mississippi spricht, da müssten wir andere Orte und Länder nennen. Etwa: Ich
habe einen Traum, dass eines Tages in Afghanistan und im Irak, in Pakistan und
im Sudan, in Israel und in Palästina, in Tschetschenien und im Kongo, in
Serbien und im Kosovo, im Iran... Bei dieser Aufzählung will einem schier der
Atem stocken.
Trotzdem. Ganz gewiss ist, dass es ohne kühne Hoffnungsträume keine
Veränderung zu einer gerechteren, zu einer solidarischeren, zu einer
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friedlicheren, zu einer weniger von Gewalt zerrütteten Welt geben wird. Ohne
Träume von einer zukünftigen Welt, in der Menschenwürde geachtet wird, ein
Mindestmaß an Gerechtigkeit und Freiheit verwirklicht ist und Konflikte ohne
Gewalt und Krieg ausgetragen werden. Darum: „Halte deine Träume fest, lerne
sie zu leben! Gegen zu viel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit. Halte deine
Träume fest!“
Eine Weise, Hoffnung zu wecken und festzuhalten, ist das Gebet.
Es könnte so lauten:
Wir wollen keine Träumer sein, Gott,
aber lass uns trotzdem das Träumen nicht verlernen.
Das Leben ist nicht auszuhalten ohne Visionen,
ohne Ideale und Hoffnungen.
Wenn uns die Wirklichkeit bedrängt,
wenn wir keinen Ausweg sehen,
dann schenk uns die Fantasie,
uns alles ganz anders vorzustellen.
Sonst regiert uns Bitternis,
fallen wir in Resignation und Verzweiflung.
Wir haben die Träume nötig,
dass Bäume und Blumen nicht verdorren,
Hass und Krieg ein Ende finden,
Menschen in Freiheit leben können
und Gerechtigkeit Raum gewinnt.
Du hast uns Mut zu solchen Träumen gegeben.
Weil du deinen Fuß auf diese Erde gesetzt hast,
lebt in uns das Bild einer anderen Welt.
Die heillose Wirklichkeit soll uns nicht schrecken.
Wir bitten dich,
hilf uns, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen
und zugleich von deinen Verheißungen zu träumen.
Amen
„Halte deine Träume fest!“