
Rudolf Bembenneck (Mitte), Pastor im Ruhestand, hält in Burgdorf die Rede zum Volkstrauertag.
Foto: Schiller
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„Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben! Gegen zu viel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit. Halte deine Träume fest!“ Dieses Lied von Eugen Eckert hat einen unmittelbaren Bezug zum Volkstrauertag. Halte deine Träume fest! Am Volkstrauertag tauchen Träume auf. Längst vergessene oder verdrängte. Alpträume auf der einen Seite und Träume der Hoffnung auf der anderen. Träume der Hoffnung von einer zukünftigen Welt, in der Menschenwürde geachtet wird, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Freiheit verwirklicht ist und Konflikte ohne Gewalt und Krieg ausgetragen werden. Bei vielen von uns Älteren drängen sich Alpträume in die Erinnerung. Die bitteren und leidvollen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg und seinem Gefolge haben in der Seele traumatische Spuren hinterlassen. Mancher Alptraum ist mir erzählt und anvertraut worden in den zwei Jahrzehnten, in denen ich in Burgdorf als Pastor gearbeitet habe. Frauen aus Ostpreußen haben berichtet, wie das Knirschen des Eises bei der Flucht über dass Haff sie auch noch nach vierzig Jahren im Schlaf aufschrecken ließ. Eine Großmutter wurde immer wieder im Traum gequält von der Erinnerung an den Tag im Februar 1945, an dem sie ihr erfrorenes Enkelkind am Straßenrand irgendwo in Pommern zurücklassen musste. Ein stattlicher kräftiger Mann hat erzählt, dass er sich oft im Bett zusammenkauerte, weil er nahezu körperlich nachempfand, wie die Ketten eines russischen Panzers sich über seinem Einmannloch drehten. Und einige Männer hörten auch nach Jahrzehnten noch im Traum - und nicht nur im Traum – die verzweifelten Schreie verwundeter oder sterbender Kameraden, die ihnen als Soldaten an der Front ins Ohr gedrungen waren. Und ich nehme an, dass auch manche derer, die die Bombenangriffe auf Burgdorf miterlebt haben, von Alpträumen verfolgt worden sind. In zehn oder zwanzig Jahren wird vermutlich niemand mehr hier stehen, der oder die unmittelbar von solchen oder ähnlichen Alpträumen gepackt werden. Gott sei Dank! Niemand wird hier mehr stehen, der oder die noch persönliche Erinnerungen an die Burgdorfer Kriegstoten hat. In einem bestimmten Sinne könnte gerade deswegen gelten: Halte deine Träume fest! Wie soll eine nachwachsende Generation begreifen und nachempfinden können, welche unvorstellbaren Opfer die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts gefordert haben? Und was sie an Leid, an Zerstörung, an Vernichtung und Tod verursacht haben? 2 Bei der zentralen Gedenkstunde im Bundestag wird heute der Bundespräsident alle Opfer ehren. Erinnern wird er an die 11 Millionen Toten im ersten Weltkrieg, an die 55 Millionen Toten im zweiten Weltkrieg und seinem Gefolge. An die ungezählten wieder in die Millionen gehenden Opfer durch Vertreibungen, Kriege und Bürgerkriege nach 1945. Und auch an die mehr als 2.600 Zivilbediensteten und Soldaten, die seit Gründung der Bundeswehr im Dienst und im Einsatz für Menschenrechte ums Leben gekommen sind. Niemand kann sich angesichts solcher Zahlen eine wirkliche Vorstellung machen. Verstehen wird nur möglich, wenn individuelle Schicksale mit lokaler Bodenhaftung anschaulich und nachvollziehbar erzählt werden. Ich stelle mir vor, dass wir in Burgdorf Feldpostbriefe sammeln, Tagebücher und andere Aufzeichnungen von Soldaten, von Flüchtlingen und Vertriebenen, von Bombenopfern und Verfolgten des Nazi-Regimes und daraus eine Geschichte aus der Sicht der Opfer für unsere Nachkommen gestalten. Vielleicht könnte sich an einer solchen Spurensuche auch die eine oder die andere Schulklasse beteiligen. Heinz Neumann hat hinsichtlich der Burgdorfer Opfer der Bombenangriffe, an die eine Gedenktafel vor dem Amtsgericht erinnert, bereits einen wichtigen Beitrag geleistet. Und ich hoffe, dass es uns auch gelingt, wenigstens bruchstückhaft das Schicksal der verfolgten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürger und Bürgerinnen unsere Stadt nachzuzeichnen. „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Dieses Wort von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ist eine schlüssige und einleuchtende Begründung für die angedeutete Spurensuche – eine schlüssige Begründung auch für den Volkstrauertag. Wir sind es den Opfern, uns selbst und den zukünftigen Generationen schuldig, mit offenen Augen zu leben. Heute vor achtzehn Jahren habe ich hier gestanden und meine Ansprache so begonnen: Im Jahr 1989 liegt der Volkstrauertag im Schatten und im Glanz eines unerwarteten und unvergleichlichen Volksfestes. Eröffnet wurde dieses Volksfest, als die Grenzübergänge in der Berliner Mauer geöffnet wurden und wildfremde Menschen sich um den Hals fielen. Unfassbar war es, was da nach 28 Jahren Mauer geschehen ist. Und fassungslos haben Menschen „Wahnsinn! Wahnsinn!“ in die Mikrofone der Reporter gerufen. Der Psalm 126 fasst diese Erfahrung im Blick auf die Juden in der babylonischen Gefangenschaft in Sprache: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.“ „Wie die Träumenden.“ Achtzehn Jahre später ist von dieser Begeisterung nicht allzu viel geblieben. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, wir seien „blind“ geworden im Sinne des Weizsäcker-Wortes für das Glück der Gegenwart. Für 3 das Glück, als deutsches Volk in Einheit und Freiheit zu leben. Für das Glück in Europa, in einem Teil der Welt zu leben, in dem kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Staaten undenkbar geworden sind. Europa, ein Kontinent, dessen Boden über Jahrhunderte von blutigen Kriegen umgepflügt worden ist und in dem sich Völker wechselseitig als „Erbfeinde“ ansahen. Deutschland, der Staat, von dem unter der Herrschaft der nationalsozialistischen Ideologie ein grausamer Eroberungs- und Vernichtungskrieg ausgegangen ist. Mit dem Ergebnis, dass der gewollte totale Krieg zur totalen Niederlage führte und zur Teilung des Landes. Das geteilte Land im östlichen Teil mehr als vier Jahrzehnte unter der Knute einer kommunistischen Diktatur. Das geteilte Deutschland an der Nahtstelle des kalten Krieg in einer zweigeteilten Welt, wo atomar bestückte Raketen sich bedrohlich gegenüber standen. Eine Alpträume auslösende Situation. Das im Blick, ist festzuhalten: Der 9. November 1989 ist und bleibt ein traumhafter Tag für Deutschland und für Europa. Wer vor der Vergangenheit die Augen nicht verschließt, der entdeckt, wie außerordentlich glückhaft - trotz aller Probleme und Schwierigkeiten - die Situation in Deutschland und Europa ist. Ein anderes Datum verhindert freilich ein unbekümmertes Lebensgefühl. Nineeleven, diese Datumsangabe ist zum Symbol eines Alptraums geworden. Vor sechs Jahren, am 11. September 2001, haben islamistische Terroristen vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Twin-Towers in New York in das Gebäude des Pentagon gesteuert. Eine tiefe Verunsicherung hat die sogenannte westliche Welt ergriffen. Freilich nicht nur sie. Die brutalen und menschenverachtenden Anschläge des 11. September 2001 haben Reaktionen ausgelöst und schreckliche Folgen gezeitigt. In Afghanistan, im Irak, in Madrid und London und in Guantanamo. Seit dem 11. September 2001 ist drastisch und dramatisch ins Weltbewusstsein gerückt, was immer schon die Geschichte der Menschheit gezeigt hat: Es gibt einen ideologisch verblendeten Fanatismus, für den Menschenwürde und Menschenleben keinen Pfifferling wert sind. Und es wird seit dem von vielen wie ein Alptraum erlebt, dass dieser Fanatismus das Leben überall und zu jeder Zeit bedroht. Der Kampf gegen den Terrorismus, der Schutz vor ihm, seine Eindämmung und das Schwierigste, die Überwindung seiner Ursachen, das ist eine langfristige hoch komplexe Herkulesaufgabe. Eine Herausforderung, von der bisher niemand überzeugend zu sagen vermag, ob und wie und wann sie bewältigt werden kann. 4 Müssen sich angesichts dieser Weltlage nicht die Hoffnungsträume, von denen ich eingangs gesprochen habe, in Schaum auflösen? Im Gegenteil! Sie sind notwendig, weil in ihnen ein Hoffnungspotential steckt, das zu Visionen befähig und Kraft verleiht zu ausdauerndem und unbeirrbarem Einsatz für Menschenrechte und Frieden. Auch in ausweglos erscheinenden Situationen. „Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben!“ Zwei Beispiele: Die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der ehemaligen DDR hat starke Impulse von den Friedensgebeten empfangen. Die orientierten sich an uralten Hoffnungen. An den Visionen der Propheten Israels. „Schwerter zu Pflugscharen“. Hoffnungen, die durch den Druck der Mächtigen nicht zu entmutigen waren. Das gehört zum Background der friedlichen Revolution. Martin Luther King hat in auswegloser Situation einen Hoffnungstraum an den Himmel gemalt. „Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“ King selbst hat nichts mehr davon erlebt. Er ist ermordet worden. Aber sein Traum hat etwas bewirkt. Er hat Menschen Mut gemacht und ihnen Zuversicht gegeben. Er hat viele zum politischen Engagement veranlasst und zu einem leidenschaftlichen und beharrlichen Einsatz, ja Kampf für Menschenrechte und Menschenwürde. Er hat Glauben geweckt. Dieser Traum hat ungezählte Herzen bewegt und in einem langen Prozess die Welt ein Stück weit verändert, sie etwas menschlicher und gerechter werden lassen. Es liegt an uns, den Traum Martin Luther Kings in unsere Lebenswirklichkeit und Weltwirklichkeit hinein fortzuschreiben. Wo er von Georgia und Mississippi spricht, da müssten wir andere Orte und Länder nennen. Etwa: Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Afghanistan und im Irak, in Pakistan und im Sudan, in Israel und in Palästina, in Tschetschenien und im Kongo, in Serbien und im Kosovo, im Iran... Bei dieser Aufzählung will einem schier der Atem stocken. Trotzdem. Ganz gewiss ist, dass es ohne kühne Hoffnungsträume keine Veränderung zu einer gerechteren, zu einer solidarischeren, zu einer 5 friedlicheren, zu einer weniger von Gewalt zerrütteten Welt geben wird. Ohne Träume von einer zukünftigen Welt, in der Menschenwürde geachtet wird, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Freiheit verwirklicht ist und Konflikte ohne Gewalt und Krieg ausgetragen werden. Darum: „Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben! Gegen zu viel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit. Halte deine Träume fest!“ Eine Weise, Hoffnung zu wecken und festzuhalten, ist das Gebet. Es könnte so lauten: Wir wollen keine Träumer sein, Gott, aber lass uns trotzdem das Träumen nicht verlernen. Das Leben ist nicht auszuhalten ohne Visionen, ohne Ideale und Hoffnungen. Wenn uns die Wirklichkeit bedrängt, wenn wir keinen Ausweg sehen, dann schenk uns die Fantasie, uns alles ganz anders vorzustellen. Sonst regiert uns Bitternis, fallen wir in Resignation und Verzweiflung. Wir haben die Träume nötig, dass Bäume und Blumen nicht verdorren, Hass und Krieg ein Ende finden, Menschen in Freiheit leben können und Gerechtigkeit Raum gewinnt. Du hast uns Mut zu solchen Träumen gegeben. Weil du deinen Fuß auf diese Erde gesetzt hast, lebt in uns das Bild einer anderen Welt. Die heillose Wirklichkeit soll uns nicht schrecken. Wir bitten dich, hilf uns, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und zugleich von deinen Verheißungen zu träumen. Amen „Halte deine Träume fest!“ |
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