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Lässt sich der Wert eines Menschen berechnen?

Predigt zur Konfirmation am 29.4. 2007 - Pastor Wolfgang Thon-Breuker



Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

Konfirmation in Deutschland ist nicht nur ein Fest des Glaubens. Eure Konfirmation ist auch ein Tag der Geldgeschenke. Einige 100,-€ bekommt hoffentlich jeder und jede. Bei anderen geht es weit darüber hinaus.
Viele von euch bekommen zum ersten Mal so viel eigenes Geld in die Hand. Es ist euer Geld - geschenkt von euren Paten, Großeltern, Eltern, Nachbarn, Freunden - Zeichen der Wertschätzung für euch. Am Ende wird zusammengerechnet.
Das hab ich auch schon so gemacht – bei meiner Konfirmation vor 35 Jahre.
Daraus ergeben sich nun weitergehende Fragen.
Man kann sie unter philosophischen, aber auch unter christlichen Aspekten betrachten:
Ist der Mensch nur soviel wert, wie er verdient? Lässt sich der Wert eines Menschen berechnen?
Von den chemischen Bestandteilen her besteht der Erwachsene Mensch aus 68 Prozent Wasser, 20 Prozent Kohlenstoff, 6 Prozent Sauerstoff, 2 Prozent Stickstoff und 4 Prozent Aschenbestandteile. Der Wert der Rohstoffe liegt bei vielleicht - je nach Körpergröße - 10 Euro.

Mehrere Millionen Kilowattstunden Energie sind in den Atomen des menschlichen Körpers gespeichert. Könnte man diese verkaufen, so hat ein Fachmann berechnet, wäre diese Energie ein paar Millionen Euro wert.

Versicherungen berechnen den Wert des Menschen nach Verdienstmöglichkeiten und Lebenserwerbszeit, abzüglich der Ausbildungsaufwendungen.

Was bestimmt denn nun meinen Wert, was bestimmt Deinen Wert?
Was ist mein Freund mir wert, was bin ich mir wert, was bist Du mir wert?

Ist bei dieser Frage entscheidend was ich bin, was ich kann, was ich habe?
Oder kann ich mich darauf verlassen, dass es jemanden gibt, der mich so nimmt wie ich bin, der mich so liebt wie ich bin?
Vielleicht sogar: der mich auch dann so liebt wie ich bin, wenn ich nicht so bin wie er es liebt.

Lässt sich der Wert eures Lebens berechnen?
Unter meinen Geschenken an euch ist auch dieser Fragebogen.
Trage hier in Euro das Ergebnis der Geldgeschenke ein, die du bei der Konfirmation erhalten hast: Hast du das wirklich verdient?
Bewerte das Ergebnis! Du hast 8 Möglichkeiten zum Ankreuzen.
1. Ich hab es mir ehrlich verdient, denn die Konfazeit war lange genug!
2. Es ist eigentlich das Verdienst meines Pastors!
3. Es ist eher das Verdienst meiner Eltern!
4. Ich habe es verdient, aber Geld bedeutet mir nichts!
5. Ich hätte mehr verdient, bin aber trotzdem zufrieden!
6. Es ist viel mehr als ich verdient habe, aber trotzdem ganz toll!
7. Es ist viel. Ich habe es mir verdient! Aber ich wäre sauer, wenn irgendjemand mehr hätte als ich!
8. Ich gebe keinen Kommentar, weil mich mein Pastor nur reinlegen will!

Mit der Antwort könnt ihr euch Zeit lassen bis heute Abend. Kommen wir jetzt noch einmal zur biblischen Lesung, die ich für eure Konfirmation ausgewählt habe.
Elia. Elia geht in der Wüste. Zu Tode erschöpft legte er sich unter einen Strauch. Er will nie mehr aufwachen.

Eigentlich keine gute Geschichte für einen Konfirmationstag.
Dann nimmt sich Gott seiner,
sendet ihm im Traum einen Engel.
Als er erwacht, findet er Brot und Wasser.

Als er stark genug ist, gibt Gott ihm einen Auftrag: Steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg vor dir.
Hat er es verdient, was er bekam? War es genau das, was erbrauchte?
Elia war nicht freiwillig in die Wüste gegangen.
Er war auf der Flucht vor der Rache der Königin,
aber auch auf der Flucht vor sich selber.
Er hatte anderen Leid zugefügt hatte, Hunderte von Menschen kamen durch seine Hand ums Leben. Elia war ein Gotteskrieger, ein religiöser Fanatiker. Er glaubte, einen göttliche Auftrag zu erfüllen
Wenn man im 1. Buch der Könige nachliest, fühlt man sich auf erschreckende Weise an jene Fanatiker erinnert, die den Irak in einen Ort allgegenwärtiger Angst verwandelt haben.
Elia aber hat die Kurve gekriegt. Sein Weg führte weg von der Gewalt.
Mit Gottes Hilfe hat er die Kurve gekriegt.!
Gott stellt ihm einen Engel an seine Seite.
40 Tage und 40 Nächte dauert sein Weg der Verwandlung.
Dann bekommt er vor einer Höhle am Horeb, dem Berg Gottes, mit allen seinen Sinnen das wahre Wesen Gottes zu spüren.
Das ist Gottes Geschenk an ihn.
Elia öffnet sich für den Weg der Liebe und der Sanftmut und für den Weg des Respekts, auch vor dem der ganz anderes lebt und denkt und glaubt als er selbst

Mein Weg mit euch,
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
dauerte länger als 40 Tage,
war weniger dramatisch als der des Elia – glücklicherweise,
Ihr brauchtet auch kein Wasser und kein Brot auf eurem Weg, denn ihr ward ja immer gut ausgestattet mit Chips und Cola und Süßigkeiten.
Mein Weg mit euch ist festgehalten auf dieser Photo-CD.
Auch die Orte, an denen wir waren, klingen nicht sehr spektakulär:
Burgdorf –Mardorf – Hannover und Hanstedt.
Ja, Hanstedt!
Am 10. April waren wir dorthin unterwegs – teilweise zu Fuß - auf einem österlichen Pilgerweg.
Am 12. April ging es denn auf dem Pilgerweg zurück
Beim Pilgern soll man ja zur Ruhe kommen.
Aber ich hatte am dem Rückweg zuerst keine Ruhe. Ich hatte ja die Abfahrtszeit des Zuges im Nacken. Irgendwo vorne waren unsere 4 ganz tollen Teamerinnen. Ich trieb von hinten 38 Konfirmanden an, damit keiner zurückbleibt. Ich kam mir vor wie ein Hirtenhund, der seine Herde zusammenhalten soll; nur das Konfirmanden noch störrischer sind als Schafe. Es waren ja nicht die Fußlahmen, die zurückblieben, sondern unsere besten Tänzerinnen und Tänzer, Fußballer und Handballer.
Doch wie das nun mal ist auf so einem Weg: allmählich wurde ich ruhiger. Irgendwie wird die Zeit schon reichen. „Wie weit ist es noch?“ ich antwortete: „ Der weg ist das Ziel“.
„Warum müssen wir diesen Weg gehen?“
„Damit du dich später an deine Konfirmandenzeit erinnerst!“ Am Ende waren wir dann alle sehr gelassen - ich auch.
Oder war es nur die Müdigkeit?
Oder machte der Pilgerweg das mit uns?
Es war jedenfalls ein gutes Gefühl.

„Ich bin dann mal weg“ . So heißt das Pilgertagebuch von Hape Kerkeling. Er lief zu Fuß zum Grab des heiligen Jakob – fast 800 Kilometer durch Spanien bis nach Santiago de Compostela – und erlebte die reinigende Kraft der Pilgerreise:
Er schrieb: „Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und einen Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Und er baut dich wieder auf. Er nimmt dir alle Kraft und er gibt sie dir dreifach zurück.“

40 Tage war Hape Kerkeling unterwegs – so lange wie Elia. Sein Buch ist ein Bestseller. Es gibt in diesem Buch viel zum Schmunzeln. Das ist ja bei einem von Deutschlands besten Komikern nicht anders zu erwarten.
Sein Tagebuch ist in Tagesepisoden aufgeteilt. Am Ende steht immer eine Erkenntnis des Tages.
Die geben Aufschluss, dass sich der Weg gelohnt haben muss.
Ich will nicht alle 40 aufzählen, aber einige, die auch für euch Jugendliche interessant sein könnten:

· Erst mal herausfinden wer ich selber bin!
· Weiter, nicht umdrehen!
· Entspann dich!
· So manche Sache hat man doch nicht umsonst mit sich rumgeschleppt!
· Öffne dein Herz und knutsche den Tag!
· Was macht uns menschlich? Unsere kleine Macken und die großen Fehler. Hätten wir sie nicht, wären wir alle wandelnde Götter.
· Ich halte mehr aus als ich denke.
· Man muss die eigenen Grenzen auch mal bewusst überschreiten.
· Meine Schwäche ist auch meine Stärke
· Ein echter Weg nimmt einen Menschen nicht gefangen.
· Manchmal ist es das Vernünftigste, einfach herrlich verrückt zu sein
· Manchmal meinen es auch die nervigste Menschen gut mit uns.
· Mir selbst habe ich mich lange genug zugewendet.. Jetzt sind die anderen an der Reihe.
· Es ist gut zu wissen, wer man ist!

Ich bin dann mal weg – sagte sich Hape Kerkeling und tat es. Zuhause wären ihm diese Erkenntnisse des Tages nicht gekommen. Jedenfalls nicht so. Er lief 40 tage zu Fuß und erlebte die reinigende Kraft der Pilgerreise:

Ich wünsche euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass ihr euch in eurem Leben - vielleicht schon morgen – solche Zeiten gönnt und einfach mal weg seid – von allem was so Tag für Tag auf euch einstürmt. – und euch öffnet für überraschenden Begegnungen mit Gott.

Vielleicht könnt ihr dann anderen davon berichten wie Hape Kerkeling, vielleicht auch ganz anders. Er jedenfalls schreibt am Ende seines Buches: „Ich sitze im Zug nach Porto, um von dort aus am darauf folgenden Tag nach Hause zu fliegen. Während ich im Zug sitze, versuche ich meine Gedanken zu Gott zu sammeln und sie für mich noch einmal so griffig wie möglich zu formulieren.
Gott ist das eine Individuum, dass sich unendlich öffnet, um alle zu befreien ...
Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen. Es ist wie in dem ausgelassenen Spiel, das Eltern mit ihren Kindern spielen. Und die Botschaft lautet: hab vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch dein Fänger sein.
Und wenn ich es Revue passieren lassen, hat Gott mich auf dem Weg andauernd in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Wir sind uns jeden Tag begegnet.“

Also: liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, Eltern, Großeltern, Paten/inne und die ganze Festgemeinde!
Gott schenkt uns Zeit.
Nehmen wir uns doch einfach die Zeit, Gott zu begegnen: Er wird uns schon sagen, was wir ihm wert sind.

Was Hape Kerkeling kann. Das können wir auch. Amen!


Die Lesung ist aus 1 Könige 19:


Elia aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.