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Kantatengottesdienst am 2. Weihnachtsfeiertag 2008

Zum 1. Teil des Weihnachtoratoriums von J. S. Bach hielt unser Superintendent Dr. Charbonnier die Predigt:


Predigt zum 2. Weihnachtstag

in der St. Pankratius-Kirche in Burgdorf

Superintendent Dr. Ralph Charbonnier

 

Liebe Festgemeinde!

 

Jauchzet, frohlocket, auf (!), preiset die Tage,

rühmet, was heute der Höchste getan!

 

Wer ist dieser Höchste?

Was hat er getan - mit diesem Kind, das die Welt bewegt?

 

Vor 2000 Jahren – ein Neugeborenes – es schreit, es muss gewickelt werden, wie es so üblich ist bei Neugeborenen.

Kein Kinderzimmer – mit viel Glück ein Dach über dem Kopf.

Kein Bett – ein Futtertrog.

Keine Wärmelampe – ein zugiger Stall.

 

Jauchzet, frohlocket, auf (!), preiset die Tage?

Warum nur?

Es ist nahe liegend, dass es im Choral (Nr. 5) heißt:

O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei,

damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei!

Im Choral kommt die Stimme der Gemeinde zur Sprache. Und die bittet – damals wie heute:

– Lass mir ein Licht aufgehen, erleuchte mich, damit ich weiß, warum ich das Jesuskind empfangen soll und wie ich es empfangen soll!

Es erscheint als Geheimnis!

 

Drei Zugänge zum Geheimnis, zum Wunder von Weihnachten, möchte ich skizzieren:

Der erste Zugang: Die erste Kantate zum Weihnachtsfest,

der zweite: das Weihnachts-Evangelium nach Johannes, das wir eben schon hörten,

und drittens das Lied, das wir nach der Predigt singen werden.

Drei Verstehensversuche, drei Versuche, das Weihnachtsereignis zu fassen, und dann sich anzueignen, zum eigenen Weihnachten werden zu lassen.

 

 

Zuerst Bach:

Was macht die Geburt Jesu zum Heilsereignis?

Bach formuliert:„Wer will die Liebe recht erhöhn,

die unser Heiland vor uns hegt?“ So heißt es im 7. Teil.

- Unser Heiland hegt Liebe für uns!

Ganz elementar. Ganz einfach. Ganz fundamental!

 

Da gibt’s auch andere Stimmen:

Unser Leben – ein Zufall!

Unser Leben – Ergebnis von Evolution und Embryonalentwicklung! Das war’s!

Unser Leben – geworfen in eine Welt, in der wir, auf uns selbst gestellt, ums Überleben, um Wohlstand und Gesundheit zu kämpfen haben!

 

Gegen solchen Atheismus predigt Bach: Gott hegt Liebe für uns!

 

Bach geht noch weiter:

„Ja, wer vermag es einzusehen, wie Gott der Menschen Leid bewegt!“

Denn es gibt sie, die Wirklichkeiten:

… dass Menschen bestürzt sind von einer medizinischen Diagnose, die ab sofort das Leben überschattet, vielleicht auch in diesen Tagen. Da hilft kein „Kopf hoch!“ oder „Denke positiv!“. Da hilft nur Mit-leiden eines Menschen oder eines Gottes, der es gut mit einem meint.

Es wird in diesem Jahr vielfach die Situation gegeben haben, dass Kinder bestenfalls ein Kleidungsstück unter dem Baum gefunden haben, während um sie herum der üppige Wohlstand gefeiert wurde. Tiefe Kränkung für ein Kind. Da hilft nur, Leben teilen, vielleicht auch Leiden teilen.

 

Leiden lässt Gott nicht kalt! Er bleibt stehen, des Menschen Leid bewegt ihn!

 

Und ein drittes ist Bach wichtig:

„Des Höchsten Sohn kömmt in die Welt, weil ihm der Menschen Heil so wohl gefällt.“

Bei uns heißt es oft: Wir selbst sind unseres Glückes Schmied!

Oder: Der Staat ist als Wohlfahrtsstaat Garant für unseren Wohlstand!

Für Bach ist wichtig: Gott gefällt das Heil des Menschen wohl, Gott will die Erfüllung, den Lebenssinn für uns Menschen.

Ein weiteres deutliches Wort gegen jeden Atheismus.

 

Und dann kommt der Satz, der begründet, warum es die Heilige Nacht geben musste:

„So will Gott selbst als Menschen geboren werden.“ (Ende des Chorals im 7. Teil)

 

Meist heißt es: Gott hat seinen Sohn gesandt…

Hier aber heißt es noch dichter:

Gott will selbst als Mensch geboren werden.

Nur so, als Mensch – das unterstreicht Bach musikalisch (Oktavsprung!) – kann er uns Menschen zeigen, dass er Liebe für uns hegt, dass unser Leid ihn bewegt und dass er heiles Leben für uns will!

 

Er selbst will als Mensch geboren werden – und bleibt doch König: „Er muss in harten Krippen schlafen.“ So heißt es in der anschließenden Arie – und doch wird diese Arie begleitet von herrschaftlichen Trompeten:

 

„Großer Herr, starker König“,

liebster Heiland, o wie wenig

achtest du der Erden Pracht.“

 

Als Kind in der Krippe ist er König und Herrscher.

Das ist Weihnachten.

 

Und wer sich dies aneignen kann, kann dann mit dem Chor singen – in einer für uns sicher ungewohnten, aber bildreichen Sprache:

„Ach mein herzliebes Jesulein,

mach dir ein rein sanft Bettelein (! –Gegenbild zur harten Krippe),

zu ruhn in meines Herzens Schrein (!–Gegenbild keine Herberge),

dass ich nimmer vergesse dein!

 

 

Jauchzet, frohlocket, auf (!), preiset die Tage?

Warum?

Ein zweiter Zugang – nach dem Evangelisten Johannes:

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde – so beginnt die hebräische Bibel.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort – so beginnt das Evangelium nach Johannes.

 

Also: Jesus ist eins mit Gott und ist Mitschöpfer aller Welt.

Und als er – als Jesus von Nazareth, als Mensch – in die Welt kam, erkannte ihn die Welt nicht:

 

Johannes schreibt: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum (!); und die Seinen (!) nahmen ihn nicht auf.“ – Was würden Sie denken, wenn Sie nach Hause kämen und die Ihren nähmen Sie nicht auf?

 

Hier wird eine fundamentale Weltsicht des Evangelisten Johannes deutlich: Obwohl die Welt von Gott gemacht ist, haben sich die Menschen von Gott entfremdet. Gott ist ihnen fremd geworden.

 

Dies hat Johannes deutlich in seinem Lebensumfeld wahrgenommen.

Da gab es die Gnostiker. Sie predigten: Die Welt ist schlecht. Sie ist gottlos. Sie ist nur Materie. Der Mensch muss sich von ihr befreien. Er muss sie überwinden.

Diese Haltung hat in unserer Zeit durchaus wieder Konjunktur: Ob unter Esoterikern, die nur in der Versenkung und in der Verleugnung ihres Leibes ihr Heil finden,

oder unter Bildungspolitikern, die von Wissensvermittlung alles und von der Herzensbildung nichts erwarten.

 

Damals gab es und heute gibt es die Hedonisten: „Die Welt ist vergänglich – deswegen lasst uns prassen, lasst uns Menschen klonen und Natur verbrauchen, denn morgen sind wir tot!“

 

Der Evangelist Johannes dagegen hält fest: Wenn schon Gott als Mensch kommt – mit Leib und Seele: Um wie viel mehr sollen wir, die wir als Menschen geschaffen sind, diese Schöpfung bejahen!

In diesem Sinne verstehe ich den laxen aber treffenden Spruch:

Mach es wie Gott: Werde Mensch! – eben mit Leib und Seele!

 

Und dann kommt Johannes zu dem weihnachtlichen Kernsatz:

„Und das Wort ward Fleisch und wohnte (!) unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

 

Diese Herrlichkeit, die wir gesehen haben, können wir dann nur besingen:

„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,

rühmet, was heute der Höchste getan!“

 

 

Liegt uns diese Melodie und dieser Text nur in den Weihnachtstagen auf den Lippen?

Sind sie uns im Alltag, der schon morgen nach uns greift, auch nahe?

 

Im Gesangbuch gibt es das Lied „Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben.“

Es ist hier nicht als Weihnachtslied eingeordnet – aber ich habe den Eindruck, dass es ein sehr passendes Lied gerade für den zweiten Weihnachtstag ist.

Es ist ein Lied, das zu verhindern hilft, dass wir Weihnachten morgen abhaken, dass wir heute noch in Feier-Stimmung sind und uns morgen die große Ernüchterung umfängt.

Nein, das muss so nicht sein.

 

„Komm in unsre stolze Welt – überwinde Macht und Geld mit Deiner Liebe Werben!“

Da ist es wieder: Diese Überwindung von Macht aus der Krippe heraus.

 

„Komm in unsre laute Stadt, Herr mit deines Schweigens Mitte, dass wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte.“

Gott als Mensch, mit Leib und Seele, in ärmlichen Verhältnissen, ist uns näher als ein in der Ferne thronender Gott.

Mit ihm, unserem Bruder, Schweigen aushalten – im Gebet. Das lässt es Weihnachten werden auch nach dem 26. Dezember.

 

„Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen. Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen; denn wer sicher wohnt, vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.“

Nicht wer ein Eigenheim erworben hat, hat es geschafft. Immobilienfachleute sprechen davon, dass ein drittel aller neu gebauten Eigenheime nach wenigen Jahren wieder verkauft oder zwangsversteigert werden müssen, meist weil die Familien auseinander gefallen sind oder Arbeitslosigkeit zum Verkauf zwingt.

Nein: Wem die ungesicherte Existenz keine Angst mehr macht, wer an den in der Krippe liegenden Heiland glaubt, hat es geschafft – gelassen und frei zu sein in seinem Leben.

 

„Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes Fülle, dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle.“

Eine treffliche Interpretation unseres Johannes-Textes:

In der Welt gibt es Neid, Angst, Not und Schmerz – ja das stimmt, wir erfahren das und wir werden dies immer wieder erfahren.

Aber wir hoffen und bitten, dass Neid, Angst, Not und Schmerzen uns nicht beherrschen, dass sie die Wahrheit nicht verhüllen, die wir hören: Dass Gott mit seines Lichtes Fülle unser Herz erhellt.

 

 

Gott gebe an diesem Weihnachtstag an der Schwelle zu unserem Alltag, dass wir dieses Gotteslicht in uns aufnehmen, ihm Wohnung geben (wie Johannes formuliert)

oder (wie Bach nach Luther im Schlusssatz der Kantate singen lässt): dass er in „unseres Herzens Schrein ruhe“.

 

Amen.