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Leben im Alter – Chancen und Grenzen
eines selbstbestimmten Daseins
„for ever young“ So lautete der Titel eines Buches, das vor einigen Jahren lange Zeit die Bestseller-Liste angeführt hat. Für immer jung, dieser Traum könne Realität werden, behauptete der Autor des Buches Dr. Ulrich Strunz, der sich gern „Laufpapst“ titulieren ließ. Strunz gab drei Ratschläge. „Laufen Sie sich jung“. „Essen Sie sich jung“. „Denken Sie sich jung“. |
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Das sind einleuchtende Ratschläge: Ausreichende Bewegung, gesunde Ernährung, positive Lebenseinstellung – das ist schlicht vernünftig, dazu werden wir regelmäßig in der Apothekenzeitung ermuntert und nicht nur dort.
Vor 7 Jahren hatte ich in Delmenhorst einen Vortrag zum Thema „Leben im Alter – Wege zwischen Ängsten und Hoffungen“ zu halten. Erwartet wurde, dass ich die positiven Aspekte betonen würde. Ich sollte Mut machen.
Damals ist mir freilich die BILD-Zeitung in die Parade gefahren. Zwei Tage vorher, am 28. August 2003, hatte sie auf Seite 1 und 2 in großer Aufmachung gemeldet: „Helmut Schmidt verliert Gehör“ Drama um Altkanzler Helmut Schmidt: Der große alte Mann der deutschen Politik kann kaum noch hören. Musik empfindet er nur noch als Radau. Jetzt musste er sogar ein Konzert im Hamburger Michel vorzeitig verlassen. Schmidt traurig: „Es ist ein großer Schmerz meines Alters, dass ich Musik nicht mehr vernehmen kann.“
Die vernünftigen und einleuchtenden Ratschläge des Laufpapstes Strunz würden in den Ohren von Helmut Schmidt – wenn er sie denn mühsam wahrnähme, angesichts seiner Verfassung – damals schon am Stock gehend und vom Herzschrittmacher im Rhythmus gehalten - dümmlich klingen, wenn nicht geradezu zynisch. |
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Dabei gibt Dr. Strunz mit seinem programmatischen Buchtitel „Für immer jung“ ja lediglich einer Sehnsucht Ausdruck, die in uns allen steckt. Nämlich, sich möglichst bis ins hohe Alter jugendlich zu fühlen und gesund, frisch und lebendig zu bleiben und zwar an Körper und Geist. Es ist schon merkwürdig, dass zwar jeder alt werden, dass aber niemand alt sein möchte. Zum alten Eisen zu gehören oder gar geworfen zu werden, das gehört zum Schlimmsten, das uns widerfahren kann.
Wir hören es gern und summen es mit, wenn Udo Jürgens singt: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an; mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran; mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss; mit 66 Jahren ist noch lang noch nicht Schluss.“
Glücklicherweise drückt heutzutage dieser Song von Udo Jürgens das Lebensgefühl und die Lebenserfahrung vieler Menschen in Europa aus. Wenn jetzt jemand anstimmte, würden viele aus Überzeugung einstimmen und mitsingen. Andere dagegen kommen sich dabei veräppelt vor, weil bei ihnen keineswegs alles in Schuss ist und weil von Spaß beim besten Willen keine Rede sein kann.
Der Herbst des Lebens hat viele Farben, bunte und auch triste. „Lust und Plage der späten Tage“ lautet ein Buchtitel. Ob Lust oder Plage vorherrschen, das hängt von vielen Faktoren ab, von den Vorgaben und den Rahmenbedingungen für den einzelnen Menschen. Die von den Vorfahren ererbten Anlagen spielen eine Rolle, die gesundheitliche Verfassung, die Arbeits- und die Lebensgeschichte, die finanzielle Ausstattung, die familiäre Situation, die soziale Einbettung oder Vereinsamung.
Diese Faktoren haben einen wesentlichen Einfluss darauf, wie wir unser Alter und wie wir uns als Alte, als Seniorinnen und Senioren fühlen und erleben. Vieles davon können wir nicht oder nur teilweise beeinflussen. Aber es liegt an uns, ob wir die Chancen ergreifen und die Grenzen akzeptieren. Ob wir das Alter und unser Altern bejahen und die Lebensphasen jenseits von 55 plus oder 66 plus oder 77 plus oder 88 plus als Chance und Herausforderung annehmen.
„Vom Wert des Alters“ hat Hermann Hesse eines seiner letzten Werke genannt. Darin bearbeitet er ausführlich Gedanken, die er sehr viel früher in seinem bekannten Gedicht „Stufen“ gebündelt hatte:
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ Ich nehme Hesses Stichwort auf und stelle Überlegungen an zum Zauber des Alters, zur Entzauberung und zur Verzauberung des Alters. |
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I. Zauber
Das ist ein schöner poetischer Ausdruck, der für die Chancen steht, die das Alter enthalten kann, ein Ausdruck, in dem etwas steckt von Entdeckungsreise, von Freiheit und Hoffnung. Konfuzius hat gesagt: „Als ich 70 war, konnte ich meines Herzens Regungen folgen.“
Viele ältere Menschen unserer Tage können das Gott sei Dank nachempfinden, weil sie gesünder, beweglicher und aktiver sind, als die Generationen vor uns es sein konnten. Da möchte man mit Udo Jürgens singen.
Es macht sich oft an kleinen Dingen fest: Morgens ausschlafen können, die Zeitung in aller Ruhe von hinten bis vorn lesen, sich einen Mittagsschlaf gönnen.
Einer meiner Freunde hatte es vom Zimmermann auf dem zweiten Bildungsweg zum Pädagogen in der Erwachsenenbildung gebracht. Aber er litt immer ein wenig darunter, dass er nie an einer Universität studieren konnte. Mit 65 Jahren hat er damit begonnen und die zweieinhalb Lebensjahre, die er noch sehen durfte, regelrecht genossen.
Die Reiselust von Seniorinnen und Senioren richtet sich oft auf den Zauber fremder Weltgegenden, die sie früher nur kurz gestreift haben oder jetzt zum ersten Mal erleben. Traumhafte Sonnenuntergänge, Berge und Landschaften füllen nicht nur die Fotoalben und Filmotheken – sie erfüllen Herz und Erinnerung.
Der Zauber, der dem Alter innewohnen kann, ist wie ein weites Land, das sich hoffentlich als Land der Freiheit erweist. Er eröffnet die Chance, freier, lockerer und unbekümmerter zu leben.
Die berufliche Pflicht ist von den Schultern genommen. Die Stechuhr muss nicht mehr beachtet werden. Zeitdruck und Leistungsdruck bestimmen nicht länger den Tagesablauf und das Lebensgefühl. |
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Kein Bangen um eine erfolgreiche Karriere, keine Angst vor starken und rücksichtslosen Konkurrenten, kein Ehrgeiz muss uns noch umtreiben. Wir müssen nichts mehr werden.
Vieles, was uns in Atem gehalten hat, bedrängt uns nicht mehr. Wir können Distanz gewinnen zu Problemen, die uns früher in Unruhe versetzten. Vieles können wir gelassener sehen und mit Humor hinnehmen.
Bertolt Brecht hat das Nachlassen der Pflichten und den Gewinn an Freiheit in seiner Erzählung „Die unwürdige Greisin“ kontrastreich dargestellt. Die Großmutter, von der erzählt, war 72 Jahre alt, als ihr Mann starb. Fünf Kinder hatte sie großgezogen, zwei waren früh gestorben. Ein Leben lang war sie ausschließlich für den Haushalt, die Kinder und die Werkstatt ihres Mannes da. Die Kinder sind entsetzt, als sie hören, wie sich das Verhalten ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters verändert hat. Sie geht ins Kino. Sie isst jeden zweiten Tag im Gasthaus. Sie führt ein munteres Leben, sie leistet sich eine Kutschfahrt und besucht Pferderennen. Sie pflegt Freundschaft zu einem Flickschuster, der sich zu allem Überfluss auch noch als Sozialdemokrat herausstellt, und zu einem schwachsinnigen Mädchen, das in der Küche des Gasthofes arbeitet. Der kauft sie sogar einen Hut mit Rosen drauf. In der Küche des Flickschusters spielen die beiden Frauen Karten und trinken dabei Rotwein.
Brecht resümiert: „Genau betrachtet lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter, als Frau und Mutter, und das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln. Das erste dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre… Ich habe eine Photographie von ihr gesehen, die sie auf dem Totenbett zeigt und die für die Kinder angefertigt worden war. Man sieht ein winziges Gesichtchen mit vielen Falten und einen schmallippigen, aber breiten Mund. Viel Kleines, aber nichts Kleinliches. Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die
kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.“
Der Kontrast wird in der Regel nicht so scharf sein wie in der Erzählung von Brecht. Und doch bietet seine Geschichte ein Konzept, ein Beispiel für ein menschenwürdiges, selbstbewusstes und selbstbestimmtes Leben im Alter. Es eröffnet indertat die Chance mit Konfuzius „des Herzens Neigungen“ zu folgen. Es eröffnet Freiraum für Hobbys, für Reisen, für alte und neue Kontakte, für Kultur, für Spiel und Sport, für ehrenamtliches Engagement, für Gespräch und Spiel mit Enkelkindern, auch für Verrücktheiten.
Das Alter kann zauberhafte Veränderungen schenken. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Der Schauspieler Dustin Hoffmann hat das an seinem 65. Geburtstag im Jahr 2002 so ausgedrückt: „Man wacht eines Tages auf und stellt fest, dass man ein anderer Mensch geworden ist. Da spielt sich im Innern ein Klimawechsel ab. Als ob man von einer höheren Macht gesteuert würde.“ Plötzlich koche er leidenschaftlich gern, arbeite im Garten, starre Blumen oder Wolken an und verspüre das Bedürfnis, die Namen der Vögel zu erfahren, die er durch die Lüfte fliegen sehe. „Meine Familie denkt, ich bin sentimental geworden.“
„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“, sagt Hermann Hesse. Der Zauber will ergriffen sein mit behutsamen und festen Händen. |
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II. Entzauberung
Zauber. Im Märchen spielt der Zauber eine wesentliche Rolle. Das Alter ist freilich keineswegs nur zauberhaft und märchenhaft. Das Leben im Alter kommt uns dann und wann wie verhext vor. Und das liegt nicht nur am manchmal auftretenden Hexenschuss.
Wie ein befreiendes Aufatmen erleben viele den Beginn des Rentnerdaseins. Mit Bertolt Brecht: Wie den Schritt in die Jahre der Freiheit. Andere aber spüren genau an dieser Nahtstelle, wie ihnen die Luft ausgeht, wie das Atmen schwerer wird im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Weil Ängste und Grenzen das Leben bedrängen und einengen.
Vom Pensionsschock sprechen die Psychologen. Eine Erfahrung, die in extremen Fällen gar zum Pensionstod führen kann. Dieser Schock wird ausgelöst durch das Gefühl, ich werde nicht mehr gebraucht, mein Können und meine Kompetenz sind nicht mehr gefragt, mein Leben ist ohne Inhalt und Sinn, ich bin ganz einfach überflüssig. Das Leben ist gründlich entzaubert.
Um bei den Beobachtungen der Psychologen zu bleiben: Vor allem bei Müttern kann es vorkommen, dass ein vergleichbarer Schock eintritt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die „Nestleere“ das eigene Leben als entleert erscheinen lässt. Entzaubert.
Es ist das kleine Wort „noch“, das die Entzauberung leugnet und zugleich ankündigt: Du siehst noch jung aus. Oder: Dir sieht man dein Alter wirklich noch nicht an. Du bist noch immer geistig beweglich. Du bist noch fit wie eh und je. Du bist noch flott und aktiv wie ein junger Mensch. In dem Wörtchen „noch“ steckt ein verräterisches Kompliment. Es kündigt an, früher oder später wird sich das ändern.
Gut gemeinte Zuwendungen signalisieren gelegentlich, wie wir von unseren Mitmenschen wahrgenommen werden. Ich habe das empfunden, als mir bei dem Besuch eines U-Boot-Museums in Bremerhaven eine Rentner-Karte offeriert wurde. Dabei war ich noch lange keine 60. Und dann wieder, als mir zum ersten Mal in der U-Bahn ein Sitzplatz angeboten wurde.
Oft ist es der morgendliche Blick in den Spiegel, der ein mittleres Entsetzen auslöst: die Haare, grau und immer grauer, oder dünn und immer dünner, die Haut faltig und fahl.
Wir erleben ein gesellschaftliches Klima, in dem vor allem Jugendlichkeit zählt – und das in allen Lebensphasen. Die Medien und besonders die Werbung zeigen alte Menschen, die sportlich, jugendlich, braungebrannt und knackig sind. Die kraftstrotzend und lebenslustig in der Erlebnisgesellschaft und der Spaßgesellschaft mithalten können. Unterschwellig wird suggeriert: Wehe dem, der diesem Menschenbild nicht entspricht!
Wie verhext kann alles erscheinen, was dem Geist und dem Körper Grenzen setzt. Vieles wird beschwerlicher oder geht langsamer. Die Grünphase an der Ampel ist zu kurz. Der Bordstein zu hoch. Die Einkaufstasche zu schwer. Die Socken wollen partout nicht über die Hacken. Das Rasieren will nicht mehr so recht gelingen. Das Gedächtnis spielt nicht mehr mit. Namen fallen nicht ein. Was ist denn heute nur für ein Datum? Ich stehe vor dem Schrank und weiß nicht mehr, was ich da wollte.
Und eines Tages könnte der Körper als Last oder gar als Feind empfunden werden. Die körperliche Beeinträchtigung durch Krankheiten und Gebrechen begrenzt für viele spürbar die Lebensqualität. Das kann sich in der seelischen Verfassung niederschlagen und das Selbstwertgefühl anknacksen. Es ist ja nicht nur Eitelkeit, wenn wir uns lange sträuben, den Rollator zu benutzen oder Hörgeräte zu tragen. Es ist „der große Schmerz des Alters“, von dem Helmut Schmidt gesprochen hat.
Am schwierigsten aber ist die Erfahrung, ich bin auf Hilfe angewiesen, ich verliere meine Selbständigkeit, ich werde zum Problemfall für die Gesellschaft und für meine Familie. Wenn ich nicht mehr sicher gehen, nicht mehr deutlich reden, nicht mehr wirklich kommunizieren kann, dann wird es schwer, an den Wert und die Würde meines Lebens zu glauben. Die Erfahrung, ich werde nicht mehr ernst und nicht mehr für voll genommen, kann unendlich traurig und niederdrückend wirken. Sie wirkt wie eine radikale Entzauberung des Alters und des Alterns.
Carl Gustav Jung, neben Sigmund Freud der bedeutendste Forscher am Beginn der Psychoanalyse, hat in Überlegungen mit dem Titel „Die Lebenswende“ dagegen angeschrieben: „Der Mensch würde gewiss keine siebzig oder achtzig Jahre alt, wenn diese Langlebigkeit dem Sinn seiner Spezies nicht entspräche. Deswegen muss auch sein Lebensnachmittag eigenen Sinn und Zweck besitzen und kann nicht ein klägliches Anhängsel des Vormittags sein.“
Jung spricht verharmlosend vom Lebensnachmittag. Das liegt freilich daran, dass er das 36. Lebensjahr als „Lebenswende“ verortet. Er vermeidet wohl deswegen den Begriff Lebensabend. Vielleicht könnten wir, wie es Dr. Pries bei der Seniorenversammlung getan hat, verschiedene Phasen des Seniorendaseins unterscheiden: die über 60jährigen als die jungen Alten, die über 70jährigen als die Älteren, die über 80jährigen als die Alten und die über 90jährigen als die Hochbetagten. Dann würde sich die erste Gruppe im Lebensnachmittag befinden, bei der zweiten vollzöge sich der Übergang vom Nachmittag zum Abend, sie erlebten dann gewissermaßen die Abenddämmerung, und erst die dritte und vierte befände sich am Lebensabend. Solche Schematisierungen und Einteilungen sind freilich allenfalls Verstehenshilfen. Im individuellen persönlichen Leben kann sich das ganz anders darstellen. Da kann das Abendrot schon vor dem 60 Lebensjahr zu glühen beginnen.
Und doch ist C.G. Jung zuzustimmen. Auch der Lebensnachmittag mit der folgenden Dämmerung und der hereinbrechenden Nacht kann Sinn haben, mehr als das: er muss sinnvoll und in Würde gelebt und erlebt werden können.
III. Verzauberung
Im Märchen gibt es die bösartige Verzauberung. Sie schließt vom Leben aus. Dornröschen versinkt in einen endlos langen Schlaf, das Leben im Schloss erstarrt. Der Königssohn wird zum Frosch und
statt am höfischen Leben teilzuhaben wird er in einen Brunnen verbannt.
Böseartige Verzauberung erleben viele alternde Menschen. Man gehört nicht mehr dazu. Man gerät aus dem Blick. Am Spiel des Lebens ist man nicht mehr beteiligt. Man ist vergessen. Oder man fühlt sich jedenfalls so. Und das gehört zum Schlimmsten, das wir erleben müssen.
Einsamkeit ist eines der Kennzeichen der Alten. Der Lebenskreis wird eng und enger. Morgens wird zuerst in der Zeitung nach den Todesanzeigen gesucht. Wieder eine oder einer aus meinem Jahrgang. Wieder jemand, mit dem ich lange verbunden gewesen bin. Die Kontakte im Wohnumfeld werden weniger. Und wenn dann mein Partner oder meine Partnerin stirbt, dann geht ein Teil meines Lebens zu Ende. „Als wär’s ein Stück von mir.“
Der Lebensradius wird auch deswegen enger, weil die Bewegungsmöglichkeiten nachlassen. Als ich meinen ehemaligen Chef aus dem Männerwerk zu meinem 70. Geburtstag einladen wollte, hat er mir mit tieftrauriger Stimme gesagt. Ich habe meinen Führerschein abgegeben. Für einen leidenschaftlichen Autofahrer ein tiefer Einschnitt. Die Wege werden zu schwer und zu lang. Irgendwann ist es nicht mehr möglich, selber einzukaufen, oder auf dem Sportplatz als Zuschauer dabei zu sein, oder am Kegeln teilzunehmen, oder am Gottesdienst.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Ich habe es lange Zeit für eine poetische Übertreibung gehalten, wenn Hermann Hesse dichtet „und jedem Anfang“. Es gibt doch Anfänge, die wir als Abbrüche erfahren! Aber genau darauf will er ja hinaus. Es gilt die Chancen zu ergreifen – seien sie noch so klein – und die Grenzen zu akzeptieren.
Im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten tun sich nach und nach altersschwache Tiere zusammen, Esel, Hund, Katze und Hahn. Sie
nehmen Abschied von Zuhause und machen sich gemeinsam auf den Weg. Vielleicht hatte Hermann Hesse die Bremer Stadtmusikanten vor Augen, als er die Zeilen formulierte:
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Die Stadtmusikanten nehmen Abschied vom Vertrauten. Sie wandern miteinander. Gemeinsam ziehen sie ihre Strasse. Gemeinsam lösen sie ihre Probleme. Gemeinsam vertreiben sie die Räuber. Also die Angst, die Depressionen, das trübsinnige Gefühl, zu nichts mehr nutze zu sein. Sie schließen unvorstellbare Freundschaften – Esel, Hund, Katze und Hahn – und sie genießen miteinander, was sie den Räubern entrissen haben.
Die Bremer Stadtmusikanten haben vorweggenommen, was Dr. Pries bei der Seniorenversammlung als dritte Säule der Altersvorsorge beschrieben hat. Drei Säulen der Vorsorge hat er benannt. Die gesetzliche Rentenversicherung als erste Säule, als zweite Säule die private Vorsorge durch Erspartes, Wohneigentum, Riesterrente oder Wertpapiere und als dritte Säule die „soziale Altersvorsorge“. Michael Pries versteht darunter die Pflege von Kontakten, das Suchen nach neuen Freundschaften, das Mittun in Vereinen, das Engagement für eine seniorenfreundliche Gesellschaft, die dadurch zugleich auch ein behindertenfreundliches und ein enkelfreundliches Klima gewinnen wird.
In den Märchen finden wir nicht nur bösartige Verzauberungen, sondern auch wohltuende und befreiende. Ein erlösender Kuss weckt Dornröschen samt Schloss und Gesinde aus dem Dauerschlaf. Ein erlösender Kuss verwandelt den Frosch wieder in einen ansehnlichen Königssohn. Das ist eine Verzauberung, die Zukunft eröffnet. Dornröschen und Froschkönig gelangen wieder in ihren jugendlichen Urzustand. Wenn Hermann Hesse sagt „Nur wer bereit zu Aufbruch
ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“, dann meint er nicht ein Zurück in die Jugend, sondern ein Vorwärts in eine neue Lebensphase, in die des Alterns. Es ist wie ein verzaubernder Kuss, wenn wir aufwachen, uns als Alternde entdecken und dabei frei werden, das Leben zu bejahen mit seinen Chancen und Grenzen. Genau das beschreibt Dustin Hoffmann mit den bereits zitierten Sätzen: „Man wacht eines Tages auf und stellt fest, dass man ein anderer Mensch geworden ist. Da spielt sich im Innern ein Klimawechsel ab.“
In Frankreich besteht eine „Bewegung für das dritte Alter“ In deren Grundsätzen unter der Überschrift „So gelingt das Alter“ heißt es unter anderem:
„Immer für jemanden da sein, immer etwas zu tun haben, darin liegt das Geheimnis, wie man alt werden und zugleich jung bleiben kann.“
„Nicht nachlässig werden. Körper, Geist und Seele in Form halten. So sind wir weniger auf andere angewiesen.“
„Schauen wir auf die tausend kleinen Dinge, die wir können. Jeder Tag hat seine Sonnenstrahlen: sich bewegen können, hören, lesen, sich unterhalten, dienen, lächeln, verzeihen, beten.“
„Alles fernhalten, was unserem Altwerden schaden kann: Ungeduld, Müßiggang, Egoismus, Abkapselung, innerer Groll, Eifersucht, Neid.“
„Nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft leben. So gut es geht, den jetzigen Moment leben; er ist immer neu und voller Hoffnung.“
Leo Tolstoi, an dessen 100. Todestag wir in diesem Jahr erinnert werden, hat in seinem Märchen „Die drei Fragen“ ein ähnliches Resümee gezogen: „Merke – die wichtigste Zeit ist nur eine, der Augenblick. Nur über ihn haben wir Gewalt. Der unentbehrlichste Mensch ist der, mit dem uns der Augenblick zusammenführt; denn niemand kann wissen, ob er noch je mit einem anderen zu tun haben wird. Das wichtigste Werk ist, ihm Gutes zu erweisen – denn nur dazu ward der Mensch ins Leben gesandt.“
„Nur dazu…“, das ist dichterische Zuspitzung und Übertreibung. Wir sind auch ins Leben gesandt, um zu genießen, zu singen, zu kommunizieren, um Freude zu erleben und Leben zu gestalten. Aber in der Zuspitzung steckt denn doch ein wichtiger Hinweis. „Gutes zu erweisen“, fördert Gemeinschaft, stiftet Lebenssinn und tut auch dem eigenen Herzen wohl.
Großeltern erleben das häufig im Umgang mit den Enkeln. Vor einiger Zeit gab es eine Radio-Sendung mit dem Titel „Von Großeltern und anderen Besserwissern“. Oma und Opa dürfen alles, so begann die Sendung. Und dann wurde humorvoll aufgezählt, dass sie vieles zulassen, was Eltern verbieten. Spät ins Bett zu gehen. Sich unmögliche Fernseh-Sendungen rein zu ziehen. Gummibärchen und Schokolade in Unmengen zu verschlingen. Und es wurde begründet, wie wohl die natürliche Nähe zwischen Enkeln und Großeltern entsteht. Sie hören geduldiger zu, sie spielen ausdauernder, sie erzählen interessant. Vor allem: Sie sind oft ruhiger, toleranter und ausgeglichener als die Eltern. Das Elterndasein ist ein Hauptamt, das Großelterndasein ist ein Nebenamt, ein schönes, reizvolles und erfüllendes.
Das Nebenamt ist generell eine Chance für Seniorinnen und Senioren. Albert Schweitzer hat folgenden Rat gegeben: „Schafft euch ein Nebenamt, ein unscheinbares, womöglich ein geheimes Nebenamt! Tut die Augen auf und sucht, wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht. Vielleicht ist es ein Einsamer, ein Verbitterter, ein Kranker, ein Ungeschickter, dem du etwas sein kannst. Vielleicht ist’s ein Greis, vielleicht ein Kind. Wer kann die Verwendungen alle aufzählen, die das kostbare Betriebskapital, Mensch genannt, haben kann! An ihm fehlt es an allen Ecken und Enden. Darum suche, ob sich nicht eine Anlage für dein Menschentum findet. Lass dich nicht
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abschrecken, wenn du warten oder experimentieren musst. Auch auf Enttäuschungen sei gefasst. Aber lass dir ein Nebenamt, in dem du dich als Mensch an Menschen ausgibst, nicht entgehen. Es ist dir eines bestimmt, wenn du nur richtig willst.“
Wir Älteren und Alten, wir können diese Welt ein gut Stück verzaubern. Carl Gustav Jung sagt in der erwähnten Schrift „Die Lebenswende“: „Gelderwerb, soziale Existenz, Familie, Nachkommen-schaft sind noch bloße Natur, keine Kultur. Kultur liegt jenseits des Naturzwecks. Könnte also Kultur der Sinn und Zweck der zweiten Lebenshälfte sein?“ Wir Älteren und Alten können etwas, vielleicht sogar Wesentliches, beitragen zu einer Kultur der Achtsamkeit, zu einer humanen, zu einer sozialen, zu einer musisch-künstlerischen, zu einer menschendienlichen Kultur. Zur Verzauberung. Das ist der Lebensruf an uns. Das könnte eine unserer neuen Stufen sein, von denen Hesse spricht:
„Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.“
„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne.“ Damit spielt Hermann Hesse auf die Grenz-erfahrungen unserer Existenz an. „Bereit zum Abschied sein“ das schließt die Anerkennung unseres begrenzten Daseins, das Ins-Auge-Fassen der äußersten Grenze mit ein. Es geht um die innere Freiheit, loslassen zu können. Das üben wir ein wenig ein, wenn wir berufliche und gesellschaftliche Aufgaben aus der Hand geben. Stärker, wenn wir akzeptieren, dass unsere Kinder ihre eigenen Wege gehen und wir ihnen nur noch freundlich nachwinken können. Wenn wir uns klar machen, dass manches in unserem Leben unvollendet bleiben wird und dass wir Versäumtes nicht mehr nachholen können. Dass wir für unser Leben wichtige Orte und Menschen nie mehr sehen werden.
„Bereit zum Abschied sein“ das schließt auch die Phase ein, von der wir alle hoffen, dass sie uns erspart bleibt. Die Phase, in der wir nicht mehr selbständig und selbstbestimmt leben können. Zu jener inneren Freiheit gehört auch, sich und die nächsten Angehörigen auf diesen Eventualfall vorzubereiten zum Beispiel durch eine Vorsorge-vollmacht und durch eine Patientenverfügung.
Hesse geht in seinem Stufen-Gedicht noch einen weiteren Schritt:
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Verzauberung kann es auch in jener Stunde geben. Ich gehöre ja zu denen, die vergleichsweise oft die Aufgabe und das Vorrecht hatten, Menschen in der Todesstunde nahe zu sein. Das war manchmal ein sanftes Hinübergleiten, manchmal ein schreckliches Kämpfen und Sichaufbäumen. So gut wie immer aber lag schon kurze Zeit nach dem letzten Atemzug sichtbar eine tiefe Ruhe auf dem Antlitz der Verstorbenen. Als hätte sich eine Verzauberung ereignet.
„Uns neuen Räumen jung entgegensenden“, da klingt der Slogan jenes eingangs erwähnten Buchtitels an „for ever young“, „für immer jung“. Aber bei Hermann Hesse ist eine andere Jugendlichkeit gemeint als bei Ulrich Strunz. Was Hermann Hesse behutsam und andeutend poetisch zur Sprache bringt, das ist nicht weniger als die immer junge Hoffnung, die der Glaube „Auferstehung“ und „Ewigkeit“ nennt.
Ich habe mit Helmut Schmidt begonnen. Mit Loki Schmidt möchte ich schließen. Henning Voscherau, Freund des Ehepaars und ehemaliger 1. Bürgermeister Hamburgs, hat bei der Trauerfeier für Loki Schmidt im Hamburger Michel eine einfühlsame und bewegende Ansprache gehalten. Mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke hat er geschlossen.
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit
als welkten in den Himmeln ferne Gärten.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Und er hat angefügt: Falle sanft, Loki, ruhe sanft Loki.
Henning Voscherau hat das Rilke-Gedicht verkürzt zitiert. Ich vermute, das war nicht ganz im Sinne der nüchternen Loki Schmidt. Er hat die herben Verse ausgelassen. Vollständig heißt es:
Die Blätter fallen, fallen wie von weit
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
In solcher Perspektive gewinnt unsere Lebenszeit, gewinnen auch der Lebensnachmittag und der Lebensabend, Rang und Würde und so hoffe ich, auch Zuversicht und Gelassenheit. Noch einmal mit Hermann Hesse:
„Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“ |
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Vortrag von Rudolf Bembenneck am 1. Dezember 2010 bei der Mitgliederversammlung Förderkreis für Burgdorfer Senioren e.V. |
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