Gedenken zum 9. November

 

9. November. Unter anderem Gedenken an das Novemberpogrom am 9. November 1938.

Der traditionelle Gedenkweg 9. November kann in diesem Jahr auf Grund der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden. Mitglieder des Arbeitskreises 9. November werden stellvertretend und auf Abstand "vor Ort" sein und im Stillen Gedenken. Wir anderen sind eingeladen, zu Hause der gedemütigten, verfolgten und getöteten Jüdinnen und Juden zu gedenken - im November 1938 und darüber hinaus. Bis heute.

Dafür veröffentlichen wir hier den Impuls, den Simone Weber, Kirchenvorsteherin der Ev.-luth. Pankratius-Kirchengemeinde, am 9. November 2020 vorgetragen hätte. Am Ende finden Sie auch einen Download, um den Text herunterzuladen.

Pastor Dirk Jonas
für den Kirchenvorstand St. Pankratius

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

unsere Tochter ist etwas über neun Monate alt. Sie ist ein aufgewecktes, putzmunteres kleines Mädchen, dass die Welt jeden Tag ein wenig mehr kennenlernt. Sie krabbelt und stellt sich auf, sie freut sich und juchzt. Sie wird gefüttert, wenn sie Hunger hat. Sie bekommt zu trinken, wenn sie Durst hat. Es ist alles da. Sie muss keinen Mangel leiden.

Rita Ilse de Vries, die Enkeltochter von Schlachtermeister Emil und dessen Frau Berta Cohn, war neun Monate alt, als sie im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. So alt, wie unsere Tochter jetzt. Sie durfte, da bin ich mir leider sehr sicher, in ihrem kurzen Leben nicht so viel Spaß gehabthaben, wie unsere Tochter ihn hat. Sie wusste wohl sehr genau, was Hunger und Durst sind. Wie es ist, nicht das zu bekommen, was man möchte und vor allem, was lebensnotwendig ist. In zwei Lagern war sie schon gewesen in ihrem kurzen Leben, als sie mit ihren Eltern in Sobibor ankam und noch am gleichen Tag zusammen mit ihnen ermordet, in ihrem Fall vergast, wurde. Sie wurde, da bin ich mir absolut sicher, sehr geliebt von ihren Eltern. Und doch war es ihnen nicht möglich, sie und sich zu schützen. Nicht möglich, weil sie anders waren. Nicht arisch, sondern jüdisch. Ein Todesurteil, nicht nur für diese kleine Familie, sondern für sechs Millionen Juden.

Heute, am 09. November 2020, sind wir auf dem jüdischen Friedhof in Burgdorf versammelt. Versammelt, weil wir uns erinnern wollen, erinnern müssen. Erinnern an unsere jüdischen Burgdorfer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die nicht leben durften, weil sie „anders“ waren. 82 Jahre ist es her, dass deutschlandweit die Synagogen brannten. Auch wenn die Synagoge in Burgdorf nicht entzündet wurde -was nicht an der Güte der Burgdorferinnen und Burgdorfer ihren jüdischen MitbürgerInnen gegenüber lag sondern schlicht an der Angst, dass andere Häuser mit zu Schaden kommen könnten-, so wurde sie doch geschändet und zerstört. Damit nicht genug, denn auch Geschäfts- und Wohnräume von Burgdorfer Jüdinnen und Juden wurden zerstört, es kam zu Gewalt gegenüber den Andersgläubigen und zu Verhaftungen. 10 jüdische Männer wurden verhaftet, neun von ihnen in Lager verschleppt. Und das war erst der Anfang …

Weint das Kälbchen, spricht der Bauer:
"Warum bist du auch ein Kalb?
Warum nicht ein kleiner Vogel?
Warum nicht wie jene Schwalb'?"

Kälbchen muss man nun mal binden,
schächten fern von Mutter's Schoß
Hast du Flügel, such die Sterne,
nicht die Knechtschaft ist dein Los.

Sechs Millionen „Kälbchen“ wurden gebunden und fern von Mutters Schoß -im Fall von Rita Ilse vielleicht auch in Mutters Schoß- geschächtet. Unvorstellbar ist das für mich. Ich kann es nicht begreifen, so viel ich auch lese, so viel ich mich bilde, so viele Ghettos, KZs und Vernichtungslager ich auch besuche - und das waren wahrlich schon einige. Dieses „wir und sie“, das nahm Formen an, die man am 09. November 1938 so wohl nicht ahnen konnte. Dass der Osten für die deutsche Bevölkerung gesäubert werden sollte, das konnte man schon Mitte der 20er Jahre in „Mein Kampf“ lesen. Dass allerdings sechs Millionen Juden auf bestialischste Art und Weise ermordet wurden, das war so nicht absehbar. Unvorstellbar ist es für mich, dass auch heute noch „wir und sie“ propagiert wird. Dass es in den Landtagen und sogar im Bundestag immer wieder und auch gerade aktuell Parteien gibt, die dieses „wir und sie“ fördern und fordern. Die in ihrer Sprache denen nicht fern sind oder sogar genau gleich, die schon vor über 80 Jahren dafür sorgten, dass dieses „wir und sie“ umgesetzt wird. Der Dresdner Jude Viktor Klemperer hat in seinem Buch LTI (Lingua Tertii Imperii - Sprache des Dritten Reich(e)s)schon 1947 beschrieben, wie Begriffe im Sinne der NS-Ideologie umgedeutet und verwendet wurden. Es ist also kein neues, im Moment aber ein sehr aktuelles Problem.

Das Attentat in Halle ist gerade ein Jahr vergangen, erst ein paar Wochen ist es her, dass ein jüdischer Student in Hamburg angegriffen wurde. Gerade jetzt, unter Corona, stelle ich entsetzt fest, dass die Nazisymbolik und -sprache wieder genutzt wird. Weil man das ja mal sagen darf. Nein, das darf man nicht sagen. Und nein, auch Symbolik darf man nicht missbrauchen, nur weil einem etwas nicht passt. Es ist mir schlicht und ergreifend ein Rätsel, wie jemand auf den Gedanken kommt, einen gelben Davidstern zu nähen, auf dem auf einer Anti-Corona-Demo dann „Impfgegner“ steht. Es ist mir ebenso schleierhaft, um das vorsichtig zu sagen, wie man auf die Idee kommt, ein Foto von Anne Frank oder Sophie Scholl auf sein T-Shirt zu drucken, umrandet vom Slogan „sie wäre bei uns, nie wieder Diktatur!“. Welches Geistes Kind muss man sein, den Eingang von Auschwitz zu zeichnen und anstatt „Arbeit macht frei“ „Impfen macht frei“ zu schreiben!?

Wir sind heute hier, weil wir uns erinnern wollen. Angesichts der aktuellen Geschehnisse muss ich sagen, weil wir erinnern müssen. Und weil wir immer (und ich meine tatsächlich IMMER!) dann, wenn die falsche Symbolik verwendet, Geschichte verdreht oder geleugnet wird, aufstehen müssen. Nicht eventuell könnten. MÜSSEN! Ja, das ist durchaus unbequem. Ja, da steht man schnell selber in der Schusslinie. Ich frage Sie aber: Was ist die Alternative?! Meiner Meinung nach nur, dass man schweigt und geschehen lässt, was da verbal an Unrecht geschieht. Dann machen wir uns, so sehe ich es, allerdings mitschuldig an der Verrohung der Gesellschaft, am aufflammenden Judenhass, am „wir und sie“.

Weint das Kälbchen, spricht der Bauer:
"Warum bist du auch ein Kalb?
Warum nicht ein kleiner Vogel?
Warum nicht wie jene Schwalb'?"

Kälbchen muss man nun mal binden,
schächten fern von Mutter's Schoß
Hast du Flügel, such die Sterne,
nicht die Knechtschaft ist dein Los.

Wir haben das große Glück, in der heutigen Zeit leben zu dürfen. Wir müssen nicht befürchten, in ein KZ zu kommen, weil wir unsere Meinung sagen. Weil wir aufstehen gegen rechts. Weil wir bunt statt braun sind. Lassen Sie es uns also wagen! Nicht nur heute hier sein und erinnern, sondern immer dann den Mund aufmachen, Stellung nehmen, den Opfern eine Stimme geben, wenn es notwendig ist. Und nicht nur den jüdischen Opfern der Shoa, sondern allen, denen Unrecht widerfahren ist und heute noch widerfährt.

Ein letzter kurzer Gedanke: Ein Argument, dass oft zu hören und zu lesen ist, ist: Die Juden sind selbst schuld, die hätten sich ja wehren können. Es scheint den Menschen, die mit diesem -mit Verlaub- dämlichen Argument um sich schlagen nicht klar zu sein, dass es zum einen durchaus Aufstände gab -auch in Sobibor, wo Rita Ilse de Vries ermordet wurde- und zum anderen: Wie soll so ein sich-Wehren denn aussehen, wenn man keine Möglichkeiten hat? Unser Kälbchen liegt gebunden auf dem Wagen, wie soll es denn entkommen? Es ist eben kein Vogel, es hat keine Flügel, um davon zu kommen.

Wir sind heute hier, weil wir allen Burgdorfer Jüdinnen und Juden gedenken. Weil sie nicht entkommen konnten. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Lassen Sie uns alles dafür tun, dass auch das Erinnern und Farbe bekennen ein Meister aus Deutschland wird. Für ein wirkliches „NIE WIEDER!“ und nicht nur eins, dass man so dahin sagt, wenn es gerade passt und keinem wehtut. Nehmen wir uns ein Beispiel an den rund 600 Frauen, die 1943 in der Berliner Rosenstraße für die Haftentlassung ihrer jüdischen Männer protestiert haben. Eine Woche haben sie jeden Tag friedlich protestiert, letzten Endes mit Erfolg. Alle Inhaftierten wurden entlassen und für niemanden hatte die Aktion Konsequenzen. Das war tatsächlich nicht klar zu Beginn, es hätte für alle Beteiligten schlimm enden können. Für uns sollte diese größte Aktion zivilen Ungehorsams im 3. Reich Antrieb sein, unsere Stimme zu erheben. Uns kann nichts passieren - außer, dass wir gehört werden und die Welt (im kleinen) zum Positiven verändern. Packen wir es an!

Simone Weber

 

Sie können den Text downloaden, wenn Sie hier klicken: Impuls von Simone Weber zum 9. November 2020

 

Zurück