„Die Toten mahnen uns“

Glaubenssache

Michael Schulze, Pastor der Ev.-luth. St.-Pankratius-Gemeinde Burgdorf. Foto: Hilbig
Michael Schulze, Pastor der Ev.-luth. St.-Pankratius-Gemeinde Burgdorf. Foto: Hilbig

Ein Tag gegen das Vergessen will der morgige Volkstrauertag sein. Er mahnt uns inne zu halten und der Toten der Kriege zu gedenken. Millionenfaches Sterben der Soldaten auf den Schlachtfeldern dieser Erde, sechs Millionen entrechtete und ermordete Juden, vertriebene und auf der Flucht getötete Frauen und Kinder, durch Hunger, Krankheiten und Bombardierung der Städte ums Leben gekommene Zivilisten.

Sie alle mahnen uns, die Ursachen von Krieg und Gewalt wahrzunehmen und ihnen entgegen zu wirken. Den Anderen so anders er auch sein mag, als Mensch zu achten, nicht unseren Vorurteilen über andere Kulturen und Nationen aufzusitzen, sondern sie zu hinterfragen. Den Nächsten mit den Augen Jesu zu sehen, so wie wir selbst gerne gesehen werden möchten, ermöglicht wohl die bestmögliche Wahrnehmung des Anderen.

Wäre das am 9. November 1938 feste Überzeugung aller Christen gewesen, dann wäre die Reichspogromnacht wohl anders ausgegangen. Heute gilt es als ziemlich gesichert, dass diese Nacht die Nagelprobe der Nazis war für alle weiteren Gräueltaten. Wie würde sich die Bevölkerung verhalten: mitmachen und Schaufenster einwerfen? Beifall klatschen, zusehen oder wegschauen, aktiv Partei ergreifen für bis vor Kurzem noch angesehene und geachtete Mitbürger?

Am 9.November wurde ein ganzes Volk ins Verbrechen hineingezogen und weil beim ersten Schritt kein oder nur geringer Widerstand geleistet wurde, wurden die nächsten Schritte noch brutaler und grausamer. Gewiss, es hat auch in Burgdorf einzelne Bürger gegeben, die bewusst und selbstbewusst jüdische Mitbürger besucht und Geschäfte betreten haben. Aber so wenige, dass man nicht fürchten musste, ernsthaft an der Judenverfolgung gehindert zu werden. Deshalb gilt es den Anfängen zu wehren. Darum müssen wir denen, die heute versuchen durch provokanten Gebrauch nationalsozialistischer Begriffe, die Grenzen des Anstands zu verschieben oder das Geschehene zu relativieren, entschieden entgegen treten. Die unzähligen Toten mahnen uns dazu!

Michael Schulze
Pastor der Ev.-luth. St.-Pankratius-Gemeinde Burgdorf

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“ erscheint als Kolumne jeweils samstags im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen und Religionsgemeinschaften schreiben Beiträge aus ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie zeitaktuell gerade beschäftigt.

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