Farbe bekennen!

Erwählung ist Veränderungsbereitschaft

Die Ereignisse in Chemnitz in den letzten Tagen und Wochen schlagen Wellen: In Presse, TV und Internet, in Herzen und Gemütern einzelner Menschen, in politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen - und das weit über Chemnitz hinaus. Auch bei uns in Burgdorf und in der Region beschäftigen sich viele Menschen mit Fragen wie:
Was ist (wirklich) passiert? Wie sind die "Nachwehen" der schrecklichen Tat gegen ein einzelnes Menschenleben zu erklären, zu fassen, zu deuten? "Vor allem stellt sich mir die Frage", so Pankratius-Pastor Dirk Jonas, "was hat das Geschehene mit uns zu tun?"
Als Beitrag dazu dokumentieren wir hier den zweiten Teil seiner Predigt vom 2. September 2018 in der St.-Pankratius-Kirche in Burgdorf:

(...) Paulus notiert weiter an die Thessalonicher (in seinem ersten Brief an die Gemeinde, Kapitel 1, Verse 4 und 5):

Brüder und Schwestern, von Gott geliebt,
wir wissen, dass ihr erwählt seid;
denn unser Evangelium kam zu euch nicht allein im Wort,
sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Fülle.
Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.“

Ihr auch! Und die anderen alle, die heute nicht hier sein können. Von Gott geliebt, jede / jeder von euch ... und darum: erwählt.

Da rudern die einen schon innerlich mit den Armen: Oje oje ... Erwählung, was soll das sein? Und die anderen bekommen es mit der Angst zu tun: Gehöre ich dazu?

„Erwählung“ ist etwas ganz anderes als „aus-gewählt“ oder „ausgesucht“ sein! Nach Paulus in diesem neutestamentlichen Brief würde ich so sagen: Erwählung ist Veränderungsbereitschaft.

Vers 5 legt das nahe, wenn Paulus, der vom Christenverfolger Saulus zum Arbeiter für die Sache Jesu wurde, schreibt: „Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.“ Vers 6 schlägt in dieselbe Kerbe: „Und ihr seid unsere Nachfolger geworden und die des Herrn ...“ Mit anderen Worten: Ihr habt euch verändern lassen ... ihr habt euch ansprechen und anstecken lassen.

Erwählung ist Veränderungsbereitschaft – und Achtung: Nicht als Ursache, sondern als Folge. Also es gilt nicht moralisch verkürzt: Wenn du dich veränderst, wird Gott dich erwählen; sondern: Weil du von ihm geliebt bist, bist du erwählt – und das setzt ungeahnte Veränderungsmöglichkeiten bei dir frei.

Was könnte das heutzutage heißen, ganz konkret: Erwählung ist Veränderungsbereitschaft.
Ich kann nicht anders, wo der Mob auf unseren Straßen in diesen Tagen wieder tobt und andere mitreißt – so, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte: Erwählung verstanden als Veränderungsbereitschaft wird da sichtbar, wo wir Christenmenschen Farbe bekennen.
Farbe bekennen ...
- gegen Pauschalierungen
- gegen Stammtischparolen
- gegen Fremdenfeindlichkeit
- gegen Geschichtsvergessenheit
- gegen rechtsradikalen Nationalismus
- gegen Populismus.

Erwählung verstanden als Veränderungsbereitschaft wird da sichtbar, wo wir Christenmenschen Farbe bekennen.
Farbe bekennen ...
- für Bildung
- für differenzierte Blickwinkel
- für die ganz andere Überzeugung des anderen
- für achtsame Kommunikation miteinander
- für religiöse Vielfalt.

Erwählung verstanden als Veränderungsbereitschaft wird da sichtbar, wo wir Christenmenschen Farbe bekennen.
Farbe bekennen
- nicht nur für uns und unser Heil
- nicht nur mit Worten, sondern mit Gedanken, Worten und Werken
- für jede und jeden unserer Menschheitsfamilie
- für Gottes Schöpfung mit allen und allem, was lebt. 

Wer nicht bereit ist, sich verändern zu lassen, wird es schwerer haben als andere, sich selbst als erwählt und geliebt wahrzunehmen. Erwählung ist Veränderungsbereitschaft.

Und noch einmal Paulus:

Und ihr seid unsere Nachfolger geworden
und die des Herrn
und habt das Wort aufgenommen
in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, 
so dass ihr ein Vorbild geworden seid
für alle Gläubigen in Makedonien und Achaia. 
Denn von euch aus ist erschollen das Wort des Herrn
nicht allein in Makedonien und Achaia,
sondern an allen Orten
hat sich euer Glaube an Gott ausgebreitet“ 

Auf, rufe ich uns heute zu, lasst uns Nachfolger*innen werden.
Nicht immer fragen: Was kann „die Kirche“ tun oder „die Politik“? Nicht meinen: „Ach ich bin viel zu wenig.“ Oder schlimmer noch: „Ich bin ja nicht zuständig, wenn Menschen gegen Menschen hetzen; ist ja nicht hier, ist weit weg.“

Nachfolger*innen werden ... und sich selbst fragen: Wie kann ich an meinem Ort und an meinem Platz Vorbild sein, damit sich der Glaube an Gott ausbreitet? Der Glaube, der Hass gegen Menschen in Wort und Tat, ob hier oder dort, nicht duldet. Nein, christlicher Glaube duldet keinen Hass! Er stellt sich dem Hass in den Weg!

Es ist wohl an der Zeit, dass wiruns deutlich und vernehmbar (siehe Vers 9) zu Gott bekehren – ja wir, die wir uns Christen nennen: „weg von den Abgöttern“ und „dienen dem lebendigen und wahren Gott“.

Dazu helfe uns unser Glaube.
Dazu helfe uns Gott.
Heute und jeden Tag neu.
Amen.

 

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