Ostern feiern

Zum Osterfest 2018

„Christ ist erstanden“ (Evangelisches Gesangbuch 99) ... Am letzten Dienstag war schon einmal Ostern geworden. Sicher, Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag standen noch aus. Erinnerung an das letzte Abendmahl, an Verrat, Kreuzigung und Tod lagen noch vor uns. Aber einen Moment lang war Ostern mitten im Alltag spürbar am Dienstag.

Sie saß das erste Mal in der Andacht im Pflegeheim. Wahrscheinlich neu hier, dachte ich. Klein und hager, fast ein bisschen zerbrechlich wirkte sie. Saß leicht gebeugt und doch irgendwie aufmerksam-aufrecht links neben mir auf dem Stuhl. Das graue Haar dünn geworden. Das Leben – mochten es 85, 90 oder noch mehr Jahre gewesen sein? – hatte Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Große Augen, schien es. Augen, die aufmerksam schauten, dachte ich. Und hellwach ist sie gewesen.

Ich stellte mich ihr als Pastor von Pankratius vor, der regelmäßig zur Andacht ins Haus kommt. „Ich bin katholisch“, sagte sie, „aber das macht ja nichts. Wir haben doch denselben Gott.“ ... „Stimmt, da haben sie recht.“

Wir waren 14, 15 Menschen im Speisesaal – die meisten (wie immer) um den großen Tisch gesetzt, einzelne (wie immer) hier und da im Raum dabei.

Palmsonntag war gerade gewesen. Sie erzählten davon, wie es früher war: Viele von ihnen am Palmsonntag konfirmiert; Schuljahreswechsel war auch immer zu Ostern früher (nicht im Sommer). Und mit dem Schulabschluss Beginn der Lehre ... Früher, dachte ich, früher war Ostern viel Neubeginn, ganz anders als heute.

Sie konnte uns anderen – in der Mehrzahl evangelisch aufgewachsen – von katholischen Bräuchen erzählen: von Palmzweigen zum Beispiel, die gesegnet und in manchen Haushalten bis heute in Vasen oder hinter Kreuze gestellt werden.
Gesungen haben wir. „Ach bleib mit deiner Gnade bei uns Herr Jesu Christ“. Dann (nach Psalm 23 – der vom guten Hirten) das Lied „Befiehl du deine Wege“.
„Ich kann das nicht mehr sehen“, hatte sie gesagt. „Ach“, dachte ich bei mir – ihre Augen so groß, nicht weil sie sehen kann, sondern weil sie nicht mehr sehen kann.
„Und mit der Lupe geht’s auch nicht?“, hatte die Alltagsbegleiterin gefragt, die dabei war. Nein, ging auch nicht. 

Jetzt erst sah ich die Lupe – und noch mehr ... Ihre Hände lagen in ihrem Schoß: Auf dem rechten faltigen Unterarm ein großes gepolstertes weißes Pflaster, in der Hand die schwarzumrandete Lupe fest umklammert; in der linken Hand hielt sie ihre Armbanduhr am Armband fest, so zwischen den Fingern, als schaute sie dann und wann darauf. Die Uhr nicht umgebunden, aber auch noch nicht aus der Hand gelegt ... „Meine Zeit steht in deinen Händen, Gott.“

Sie konnte mit ihren fast blinden Augen unmöglich sehen, wie spät es war; konnte nicht sehen – wie keiner von uns – welche Zeit ihr noch bleibt. Und doch hielt sie (noch) die Uhr / die Zeit fest. Meine Zeit ... nicht irgendeine ... Meine Zeit in Gottes Hand. Das, was war im Leben, und das, was jetzt ist: „Meine Zeit, steht in deinen Händen, Gott.“

Im Verlauf der Andacht ging es um die Zeit zwischen Palmsonntag und Ostern: Jesu Einzug in Jerusalem, sein Tod am Kreuz. Gott war runtergekommen auf die Erde, war Mensch geworden, kam immer tiefer ... Wir Menschen sind oft entgegengesetzt unterwegs: wollen hoch hinaus; wollen es zu etwas bringen, gestalten, streben nach Macht und Möglichkeiten (hoffentlich im besten und lebensdienlichsten Sinn) ... Gott kommt uns immer entgegen ... kommt immer tiefer ... sieht da unten bei uns auch alle geplatzten Träume und Sehnsüchte, alle Abstürze von unserem Weg nach oben ... kommt auch denen entgegen, die betrübt sind.

„Zu den Betrübten“, fällt sie mir ins Wort. „Dann kommt er auch zu mir ...“
Ich kann immer noch nicht sagen, ob sie das gefragt hat, oder ob sie das als Aussage formuliert hat.
„Dann kommt er auch zu mir ...“ Stille im Raum.
Ihre Augen schauen auf, vorwärts ... fast blinde Augen, die auf einmal nicht ins verschwommene Dunkel blicken, sondern mehr zu sehen scheinen ...
Sie hat Weitblick, diese alte fast blinde Frau.
„Ja, er kommt auch zu Ihnen. Ich glaube das.“
„Gott sei Dank!“, sagt sie.

Gott sei Dank – sie sagt das gar nicht so übertrieben wie einer, der sowieso immer schon weiß, dass der liebe Gott alles richten wird. Es kommt tief aus ihrem Herzen über ihre Lippen. Und die fast blinden Augen beginnen zu leuchten: „Gott sei Dank!“ 

An Ostern glauben heißt: Nicht sehenden Auges sehen können.

Die Uhr in der einen Hand, sie erinnert mich: Mein Leben ist begrenzt. Meine Zeit hier nicht unendlich. Ich lebe in Rhythmen und Abläufen; was kommt, das geht; was gewesen ist, kehrt nicht wieder – letztlich habe ich es nicht in der Hand. Aber mit dem Weitblick der fast blinden alten Frau und von Ostern her vertrauen: Gott ist da, der alle Zeit – auch meine Zeit – in Händen hält.

Die Lupe in der anderen Hand, sie erinnert mich: Bleib auf der Suche ... Gib nicht auf ... Und wenn alle deine „Seh-Hilfen“ und Unterstützungssysteme ausfallen, dann denk’ an den Weitblick der fast blinden alten Frau und vertraue mit ihr von Ostern her darauf, dass Gott dich nie aus dem Blick verliert: ‚Fürchte dich nicht; Gott ist da; du bist in seinen Augen unendlich wert geachtet.’

Und schließlich: Das Pflaster auf ihrem Unterarm ... Es erinnert mich auf der einen Seite an Wunden, die mir das Leben zugefügt hat, die das Leben manch anderem noch viel markanter eingekerbt hat als mir, und es erinnert mich auch an die Wunden, die ich anderen zugefügt habe. Aber mit dem Weitblick der fast blinden alten Frau und von Ostern her vertrauen: Gott ist da, der heil macht, was verwundet und gebrochen ist.

Am letzten Dienstag war schon einmal Ostern geworden.
Möge Gott geben, dass heute Ostern spürbar wird, wenn wir Jesu Auferstehung feiern.
Und möge Gott noch viel mehr dafür sorgen, dass auch nach Ostern immer wieder Ostern spürbar wird ... Immer wieder im Alltag ... Und wenn auch nicht ständig und nicht jeden Tag Ostern sein kann (so tickt das Leben ja nicht) ... aber warum nicht – nur zum Beispiel – vielleicht mindestens jeden Dienstag. 

An Ostern glauben heißt: Nicht sehenden Auges sehen können.

Und dann ...
... mit dem Weitblick aller alt gewordenen,
... mit dem Weitblick aller fast Blinden und doch Sehenden, einstimmen und singen: 

„Jesus lebt, mit ihm auch ich!
Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Er, er lebt und wird auch mich
von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht;
dies ist meine Zuversicht.“
(EG 115)

Predigt zur Osternacht am 1. April 2018 in St. Pankratius Burgdorf von Pastor Dirk Jonas

 

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