Zwischen den Jahren

Glaubenssache

Foto: Pastor Dirk Jonas
Pastor Dirk Jonas (Foto: A. Lührs)

„Zwischen allen Stühlen sitzen“, kann unangenehm sein. Macht wütend, ratlos oder traurig. Trotzdem mag ich „Zwischenräume“ und „Zwischenzeiten“. Denn Leben ist nie „nur gut“ oder „nur schlecht“. Leben findet immer „dazwischen“ statt. Sicher, mal überwiegt das eine, mal das andere. In der Welt und im persönlichen Leben. „Gut“ und „schlecht“ sind dabei weiß Gott auch nicht gerecht verteilt. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob viele von uns nicht doch zu sehr auf das starren, was nicht gut läuft oder gelaufen ist, und so das Gute viel zu oft aus dem Blick verlieren.

Wenn ich die „Bilder eines Jahres“ und die „Bilder meines Jahres“ 2019 nur in schwarz-weiß male, nehme ich meinem Leben und der Welt die vielen bunten Farben und damit alles Schöne, alles Gute, alles Lebensdienliche, das unsere Welt und mein persönliches Leben immer auch kennen. Umgekehrt: Der alleinige Blick auf die offenen Fragen des zu Ende gehenden Jahres und auf die Herausforderungen des neuen Jahres 2020 durch eine rosarote Brille wird dem Leben genau so wenig gerecht.

„Zwischenräume“ und „Zwischenzeiten“ sind für mich heilsame Unterbrechungen. Sie eröffnen die Möglichkeit,
zwischen hier und dort,
zwischen Trauer und Glück,
zwischen Resignation und Zuversicht,
zwischen Vergangenem und Zukünftigem
neue Perspektiven zu entwickeln, auszuprobieren.

Meistens braucht es Mut, den eigenen Standpunkt „zwischenzeitlich“ zu verlassen. Das Blatt Papier mit der Ziffer darauf zeigt dem auf der einen Seite des Blattes eine 6, dem gegenüber eine 9. Nur wenn ich mich „zwischenzeitlich“ auf und an die Seite meines Gegenübers stelle, sehe ich: Der hat gar nicht unrecht, wie ich ihm immer (mit guten Gründen !) entgegengehalten habe. Der hat ja auch recht!

Übrigens: Nach dem Wechsel kannst du in diesem Fall sogar wieder deinen alten Standpunkt einnehmen, du hattest ja auch recht. Aber du wirst – als verständiger und kluger Mensch, der du bist – nach deinem zwischenzeitlichen Standortwechsel anders denken und handeln. 

Verstehen Sie nun, warum, ich „Zwischenräume“ und „Zwischenzeiten“ so mag? Gerade jetzt „zwischen den Jahren“, in der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester bzw. Neujahr. Gönnen Sie sich diese Tage. Lassen Sie mal Fünfe gerade sein an diesem Wochenende. Fragen Sie sich bei dem, was Sie in diesen Tagen um den Jahreswechsel beschäftigt, ob das immer so Gesehene nicht auch andersgesehen werden könnte. Ist Ihre 6 nicht vielleicht (auch) eine 9?

Eine gute Zeit zwischen Weihnachten und Silvester sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr 2020 wünscht Ihnen

Ihr
Pastor Dirk Jonas
Ev.-luth. St.-Pankratius-Kirchengemeinde Burgdorf

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“

Die Kolumne erscheint jeweils samstags im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen und Religionsgemeinschaften schreiben Beiträge aus ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie zeitaktuell gerade beschäftigt.

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